Empört, erschöpft, vereinzelt. Teil 2

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Warum aus Unzufriedenheit so selten gemeinsamer Widerstand wird

Manchmal genügt ein Blick in die sozialen Netzwerke, um den Eindruck zu bekommen, Deutschland stehe unmittelbar vor einem Volksaufstand. Überall Empörung. Wütende Kommentare, politische Abrechnungen, Untergangsprognosen, gegenseitige Beschimpfungen. Die Regierung habe versagt, die Wirtschaft werde ruiniert, die Demokratie ausgehöhlt, das Land in den nächsten Krieg geführt. Je nach politischer Herkunft wechseln die Schuldigen, die Tonlage bleibt erstaunlich ähnlich. Und dann verlässt man das Internet. Die Straßen sind voll, die Menschen gehen einkaufen, fahren zur Arbeit, erledigen ihre Angelegenheiten. Natürlich wird auch demonstriert. Deutschland ist keineswegs ein Land ohne Proteste. Aber zwischen dem Ausmaß der öffentlich geäußerten Unzufriedenheit und der Bereitschaft, sich dauerhaft gemeinsam für Veränderungen einzusetzen, scheint mir eine erhebliche Lücke zu bestehen.

Mich interessiert inzwischen weniger, warum Menschen unzufrieden sind. Dafür gibt es genügend nachvollziehbare Gründe. Mich beschäftigt vielmehr, was mit dieser Unzufriedenheit geschieht. Warum sie sich so häufig gegen andere Unzufriedene richtet. Weshalb Menschen stundenlang politische Beiträge kommentieren, aber kaum bereit sind, gemeinsam ein konkretes Anliegen zu verfolgen. Und warum ausgerechnet diejenigen, die am lautesten nach Veränderung rufen, manchmal besonders große Schwierigkeiten haben, sich auf gemeinsame Ziele zu verständigen. Das ist keine Frage nach einem angeblich feigen oder obrigkeitshörigen deutschen Nationalcharakter. Solche Erklärungen sind mir zu billig. Gesellschaftliches Verhalten entsteht unter bestimmten Bedingungen. Menschen machen Erfahrungen, entwickeln Erwartungen, gewöhnen sich an Abläufe und lernen, welche Formen des Handelns sich lohnen könnten. Manchmal lernen sie dabei auch, dass es sich angeblich nicht lohnt, überhaupt noch etwas zu versuchen. Und genau dort beginnt für mich das eigentliche Problem.

Wenn man nichts mehr erwartet

Wer wiederholt erlebt, dass die eigenen Bemühungen erfolglos bleiben, verändert irgendwann sein Verhalten. Das ist zunächst nichts Politisches, sondern eine ziemlich alltägliche Erfahrung. Man bemüht sich um eine Verbesserung, erhält keine Antwort oder stößt auf Hindernisse. Man versucht es erneut. Wieder geschieht wenig. Irgendwann fragt man sich, weshalb man seine Zeit und Energie überhaupt noch investieren sollte. In der Psychologie gibt es dafür einen verwandten Begriff: erlernte Hilflosigkeit. Er beschreibt ursprünglich die Erfahrung, dass Menschen oder Tiere nach wiederholt erlebter Unkontrollierbarkeit auch dort passiv werden können, wo Handlungsmöglichkeiten bestehen. Man sollte dieses Konzept nicht einfach auf eine ganze Bevölkerung übertragen. Deutschland ist kein psychologisches Versuchslabor, und politischer Rückzug hat viele Ursachen. Trotzdem hilft der Gedanke, einen Mechanismus zu verstehen, der auch im gesellschaftlichen Leben vorkommen kann. Wer über Jahre den Eindruck gewinnt, dass politische Entscheidungen unabhängig von öffentlichen Einwänden getroffen werden, verliert möglicherweise das Vertrauen in die eigene Wirksamkeit. Die entscheidende Überzeugung lautet dann nicht unbedingt, dass alles gut sei. Sie lautet: Es bringt ja doch nichts.

Das ist ein erheblicher Unterschied. Ein zufriedener Mensch hat möglicherweise keinen Anlass zum Protest. Ein resignierter Mensch sieht durchaus Anlass, erwartet aber keinen Erfolg. Von außen können beide gleich aussehen. Sie gehen nicht auf die Straße. Diese Unterscheidung halte ich für wichtig, weil politische Zurückhaltung häufig vorschnell als Zustimmung interpretiert wird. Natürlich darf man aus ausbleibendem Protest ebenso wenig automatisch auf allgemeine Ablehnung schließen. Wer wissen will, was Menschen tatsächlich denken, muss sie fragen. Und selbst Meinungsumfragen erklären noch nicht, weshalb jemand handelt oder untätig bleibt. Aber die Vorstellung, eine ruhige Gesellschaft sei zwangsläufig eine zufriedene Gesellschaft, überzeugt mich nicht. Politische Wirksamkeit besteht zudem aus zwei unterschiedlichen Erwartungen. Einerseits muss ein Mensch glauben, selbst etwas beitragen zu können. Andererseits muss er davon ausgehen, dass politische Institutionen auf gesellschaftliche Forderungen überhaupt reagieren. Man kann sich durchaus für fähig halten, eine Demonstration zu organisieren, und trotzdem überzeugt sein, dass sie politisch folgenlos bleiben wird. Umgekehrt kann jemand Vertrauen in demokratische Institutionen besitzen, aber sich selbst nicht zutrauen, aktiv daran mitzuwirken. Für gemeinsames politisches Handeln braucht es beides: die Überzeugung, etwas tun zu können, und eine zumindest begründete Hoffnung, damit etwas zu erreichen. Wo diese Erwartungen fehlen, wächst die Versuchung, sich zurückzuziehen.

Die bequeme Entlastung durch den großen Schuldigen

Resignation muss nicht still sein. Sie kann ausgesprochen laut werden. Wer sich machtlos fühlt, sucht häufig nach einer Erklärung für diese Machtlosigkeit. Das ist verständlich. Menschen möchten wissen, weshalb Dinge geschehen und wer dafür verantwortlich ist. Problematisch wird es, wenn aus dieser Suche eine Erklärung entsteht, die praktisch alles umfasst. Dann ist nicht mehr eine bestimmte politische Entscheidung falsch, sondern das gesamte System grundsätzlich verdorben. Nicht mehr eine Behörde arbeitet schlecht, sondern sämtliche Institutionen verfolgen angeblich denselben verborgenen Zweck. Nicht mehr einzelne Medienberichte sind fehlerhaft oder einseitig, sondern die gesamte öffentliche Berichterstattung wird als einheitlich gesteuert betrachtet. Solche Erklärungen besitzen eine eigentümliche Anziehungskraft. Sie ordnen eine komplizierte Wirklichkeit, reduzieren Widersprüche und liefern eindeutige Verantwortliche. Vor allem aber entlasten sie.

Wenn ohnehin alles von mächtigen, unzugänglichen Kräften bestimmt wird, muss man sich nicht mehr mit den Mühen konkreter Veränderung beschäftigen. Wozu einen Kreistagsbeschluss prüfen, wenn angeblich ohnehin alles von oben gesteuert wird? Wozu einen Verwaltungsablauf untersuchen, wenn bereits feststeht, dass sämtliche Beteiligten Teil desselben Plans sind? Aus einer berechtigten Kritik an Machtverhältnissen kann auf diese Weise eine Welterklärung werden, die jede weitere Untersuchung überflüssig macht. Das bedeutet nicht, dass Machtinteressen, Absprachen oder bewusste Täuschungen grundsätzlich ausgeschlossen wären. Selbstverständlich gibt es sie. Politik und Wirtschaft bestehen nicht aus uneigennützigen Menschen, die ausschließlich das Gemeinwohl verfolgen. Aber gerade deshalb muss man unterscheiden. Welche Interessen sind nachweisbar? Wer hat tatsächlich entschieden? Welche Unterlagen liegen vor? Welche Alternativen wurden verworfen? Und wo beginnt eine Interpretation, für die noch keine ausreichenden Belege existieren? Die pauschale Behauptung, alles sei manipuliert, mag radikal klingen. Tatsächlich kann sie politisch erstaunlich folgenlos bleiben. Denn wer bereits zu wissen glaubt, dass sämtliche Institutionen unrettbar korrumpiert sind, wird kaum noch versuchen, ihre konkreten Entscheidungen zu überprüfen oder zu verändern. Die große Erklärung ersetzt dann die kleine, mühsame Arbeit. Und genau diese Arbeit wäre häufig notwendig.

Die Empörung als tägliche Beschäftigung

Noch etwas fällt mir auf: Politische Empörung ist inzwischen für viele Menschen zu einem festen Bestandteil des Alltags geworden. Morgens die Nachrichten, anschließend die ersten Kommentare. Ein neuer Skandal, ein empörendes Zitat, eine fragwürdige Entscheidung. Man teilt den Beitrag, fügt eine scharfe Bemerkung hinzu und wartet auf Reaktionen. Andere stimmen zu, widersprechen oder liefern den nächsten Anlass zur Aufregung. Am Abend hat man sich intensiv mit Politik beschäftigt. Aber was hat man politisch getan? Die Frage ist nicht abwertend gemeint. Informationen weiterzugeben, Missstände öffentlich zu machen und politische Diskussionen zu führen, kann durchaus sinnvoll sein. Gerade soziale Netzwerke ermöglichen Menschen eine Öffentlichkeit, die früher nur schwer erreichbar gewesen wäre. Auch Proteste können dort organisiert und neue Kontakte geknüpft werden. Trotzdem besteht ein Unterschied zwischen politischer Kommunikation und politischer Organisation. Ein Beitrag kann tausendmal geteilt werden, ohne dass sich daraus eine einzige gemeinsame Forderung entwickelt. Eine Diskussion kann Hunderte Kommentare hervorbringen, ohne dass jemand bereit wäre, eine konkrete Aufgabe zu übernehmen.

Digitale Beteiligung kann politische Handlungsmöglichkeiten erweitern. Sie kann aber auch zum Ersatz für weitergehendes Engagement werden. Ob und unter welchen Bedingungen das geschieht, ist keine abschließend geklärte Frage. Die Forschung beschreibt sowohl mobilisierende als auch demobilisierende Wirkungen sozialer Medien. Es wäre also falsch, das Internet pauschal als Ursache politischer Passivität darzustellen. Meine Beobachtung ist eine andere. Die Form der digitalen Auseinandersetzung begünstigt häufig Tätigkeiten, die sofortige Reaktionen ermöglichen. Zustimmung, Widerspruch, Reichweite, Aufmerksamkeit. Eine politische Initiative funktioniert dagegen anders. Man muss Termine abstimmen, Zuständigkeiten klären, Informationen prüfen, Anträge schreiben, Räume organisieren, Geld verwalten und mit Menschen zusammenarbeiten, die nicht immer derselben Meinung sind. Das ist deutlich weniger aufregend als der nächste politische Schlagabtausch. Vor allem liefert es selten sofortige Anerkennung. Ein gut formulierter Kommentar kann innerhalb weniger Minuten Zustimmung erhalten. Wer dagegen wochenlang an einer kommunalpolitischen Anfrage arbeitet, weiß möglicherweise nicht einmal, ob sie später irgendeine Wirkung entfalten wird. Es wäre interessant zu untersuchen, wie sehr sich dadurch unsere Erwartungen an politisches Handeln verändert haben. Vielleicht gewöhnen wir uns zunehmend an eine Form politischer Beteiligung, bei der die Reaktion wichtiger wird als das Ergebnis. Man hat etwas gesagt. Man hat Haltung gezeigt. Man hat den eigenen Standpunkt öffentlich verteidigt. Und damit scheint die Sache zunächst erledigt.

Die politische Identität wird wichtiger als das politische Anliegen

Ein weiterer Mechanismus erscheint mir noch folgenreicher. Menschen bilden ihre politischen Überzeugungen nicht ausschließlich anhand sachlicher Informationen. Sie gehören sozialen Gruppen an, entwickeln Loyalitäten und verbinden bestimmte Ansichten mit ihrem Selbstbild. Das ist nicht ungewöhnlich. Niemand betrachtet die Welt völlig unabhängig von persönlichen Erfahrungen und gesellschaftlichen Beziehungen. Problematisch wird es, wenn politische Zugehörigkeit zur Voraussetzung dafür wird, welche Informationen überhaupt noch akzeptiert werden. Dann interessiert nicht mehr zuerst, ob eine Aussage richtig ist, sondern wer sie gemacht hat. Kommt die Kritik von rechts, wird sie von manchen Linken bereits deshalb zurückgewiesen. Kommt sie von links, halten manche Rechte sie für grundsätzlich verdächtig. Selbst eine zutreffende Feststellung kann an Glaubwürdigkeit verlieren, wenn sie aus dem falschen politischen Lager stammt. Umgekehrt werden Behauptungen aus dem eigenen Umfeld manchmal erstaunlich großzügig behandelt. Was man bei politischen Gegnern als Manipulation bezeichnet, gilt bei den eigenen Leuten plötzlich als zugespitzte Darstellung.

Das ist kein ausschließlich deutsches Problem. Sozialpsychologische Forschung beschäftigt sich seit Langem mit solchen Gruppenmechanismen. Menschen neigen unter bestimmten Bedingungen dazu, Informationen so zu bewerten, dass sie zu vorhandenen Überzeugungen und sozialen Zugehörigkeiten passen. Man spricht unter anderem von motivierter Informationsverarbeitung. Auch dieser Begriff erklärt nicht jeden Einzelfall. Menschen können ihre Ansichten ändern, Widersprüche erkennen und sich bewusst gegen die Erwartungen ihrer Gruppe stellen. Aber es kostet mitunter etwas. Wer innerhalb eines politischen Milieus eine unbequeme Frage stellt, riskiert nicht nur sachlichen Widerspruch. Er kann auch die Anerkennung seiner eigenen Gruppe verlieren. Plötzlich steht nicht mehr die Frage im Raum, ob sein Einwand berechtigt ist. Sondern ob er überhaupt noch dazugehört. Das ist ein wirksamer sozialer Mechanismus. Denn Zugehörigkeit bedeutet Sicherheit, Anerkennung und Orientierung. Wer diese Zugehörigkeit infrage stellt, muss damit rechnen, einen Teil davon zu verlieren. Vielleicht erklärt das, weshalb politische Debatten so häufig ritualisiert wirken. Man wiederholt die vertrauten Positionen, bestätigt die Erwartungen des eigenen Umfelds und vermeidet Fragen, die das gemeinsame Weltbild erschüttern könnten. Aus einer politischen Überzeugung wird dann ein Identitätsmerkmal. Und aus einer sachlichen Meinungsverschiedenheit eine persönliche Bedrohung.

Warum man sich lieber mit Gleichgesinnten streitet

Eigentlich müsste eine gemeinsame Unzufriedenheit Menschen zusammenführen. In der Praxis geschieht häufig das Gegenteil. Gerade politische Initiativen, die unterschiedliche Milieus ansprechen möchten, geraten schnell in Auseinandersetzungen über ihre eigene Identität. Wer gehört dazu? Wer darf sprechen? Welche Begriffe sind zulässig? Von wem muss man sich distanzieren? Welche historischen Ereignisse dürfen wie interpretiert werden? Ein Teil dieser Fragen ist unvermeidlich. Jede Organisation benötigt Grenzen und gemeinsame Regeln. Aber manchmal wird die Auseinandersetzung darüber zum eigentlichen Inhalt. Dann beschäftigt sich eine Gruppe stärker mit ihrer inneren Ordnung als mit dem Problem, das sie ursprünglich lösen wollte. Das hat auch psychologische Gründe. Ein konkretes politisches Ziel ist häufig schwierig zu erreichen. Es verlangt Arbeit, Geduld und den Umgang mit Unsicherheit. Innerhalb einer Gruppe lässt sich dagegen vergleichsweise schnell Einfluss ausüben. Man kann Diskussionen bestimmen, Entscheidungen an sich ziehen, andere kritisieren oder die eigene Bedeutung hervorheben.

Damit will ich niemandem pauschal bestimmte Motive unterstellen. Menschen können sich aus ganz unterschiedlichen Gründen um organisatorische Fragen streiten. Oft geht es tatsächlich um berechtigte Unterschiede bei Verantwortung und Vorgehensweise. Aber die Möglichkeit, innerhalb einer kleinen Gruppe Anerkennung und Einfluss zu gewinnen, kann attraktiver werden als die mühsame Arbeit an einem großen politischen Ziel. Man gewinnt dann vielleicht einen internen Konflikt. Und verliert darüber die Initiative. Ich habe selbst erlebt, wie schnell sich eine solche Entwicklung verselbstständigen kann.

Was ich aus dem Scheitern unserer Friedensinitiative gelernt habe

Als ich im Frühjahr die Aktionsgruppe an der Bergstraße mit auf den Weg brachte, stand dahinter eine vergleichsweise einfache Überlegung: Menschen aus unterschiedlichen politischen Zusammenhängen sollten sich gemeinsam mit Krieg, Aufrüstung und gesellschaftlichen Entwicklungen beschäftigen und daraus konkrete Aktionen vor Ort entwickeln. Es ging nicht darum, eine neue Partei zu gründen oder sämtliche weltanschaulichen Unterschiede zu beseitigen. Wir wollten Menschen erreichen, Fragen stellen und öffentliche Diskussionen anstoßen. Anfangs schien das möglich. Doch im Laufe der Zeit wurden die Ziele unklarer. Organisatorische Konflikte kamen hinzu, unterschiedliche Vorstellungen über die Ausrichtung der Initiative traten hervor. Schließlich beschäftigten uns Fragen, die mit dem ursprünglichen Anliegen nur noch wenig zu tun hatten. Dazu gehörten auch geschichtsrevisionistische Behauptungen, Chemtrails und andere unbelegte Erzählungen. Ich hatte zunehmend den Eindruck, dass die Bereitschaft, solche Themen kritisch zu prüfen, bei einigen Beteiligten geringer war als das Bedürfnis, sie innerhalb der Gruppe zur Sprache zu bringen. Gleichzeitig verschärften sich die Konflikte zwischen Teilnehmern unterschiedlicher politischer Herkunft.

Das ist meine Sicht auf diese Entwicklung. Andere Beteiligte werden einzelne Vorgänge möglicherweise anders bewerten. Mich interessiert inzwischen weniger, wer damals in welchem Streit recht hatte. Mich interessiert, warum das gemeinsame Anliegen nicht stark genug war, um die Unterschiede auszuhalten und zugleich notwendige Grenzen zu ziehen. Rückblickend sehe ich mehrere Probleme. Wir hatten zwar gemeinsame Kritikpunkte, aber keine ausreichend verbindliche Vorstellung davon, was daraus konkret entstehen sollte. Wir unterschätzten, wie unterschiedlich Menschen politische Zusammenarbeit verstehen. Und wir hatten keine tragfähige Antwort auf die Frage, wie mit Themen umzugehen sei, die das gemeinsame Anliegen zunehmend überlagerten. Hinzu kam etwas, das ich erst später deutlicher erkannt habe. Nicht jeder, der sich einer politischen Initiative anschließt, sucht dasselbe. Manche möchten tatsächlich gemeinsam etwas organisieren. Andere suchen zunächst Austausch, gesellschaftliche Zugehörigkeit oder die Bestätigung ihrer Überzeugungen. Wieder andere möchten vor allem ihre eigenen Themen öffentlich machen. Daran ist für sich genommen nichts Verwerfliches. Aber eine Initiative kann diese unterschiedlichen Erwartungen nicht unbegrenzt erfüllen. Wer eine Mahnwache organisieren möchte, benötigt Menschen, die bereit sind, praktische Aufgaben zu übernehmen. Wer hauptsächlich diskutieren möchte, findet möglicherweise in einem offenen Gesprächskreis den geeigneteren Rahmen. Wenn beides nicht unterschieden wird, entstehen zwangsläufig Enttäuschungen.

Ich glaube inzwischen, dass wir zu wenig darüber gesprochen haben, was wir tatsächlich gemeinsam tun wollten. Und zu viel darüber, was jeder Einzelne grundsätzlich von der Welt hielt. Ein gemeinsames Anliegen ist noch keine gemeinsame Bewegung. Diese Erkenntnis klingt schlicht. Sie hat mich allerdings einiges gelehrt.

Die Angst, sich festzulegen

Politische Unzufriedenheit besitzt einen eigentümlichen Vorteil: Man kann sich mit ihr identifizieren, ohne sich bereits auf eine konkrete Lösung festlegen zu müssen. Gegen die Regierung zu sein, ist einfach. Gegen Bürokratie, soziale Ungerechtigkeit oder Krieg ebenfalls. Schwieriger wird es, wenn aus der Ablehnung eine Forderung entstehen soll. Welche Regelung soll geändert werden? Welche Behörde ist zuständig? Wie soll eine Maßnahme finanziert werden? Welche Folgen hätte sie für andere Menschen? Welche Kompromisse wären akzeptabel? Plötzlich muss man Entscheidungen treffen. Und Entscheidungen schaffen Angriffsflächen. Solange jemand nur erklärt, dass alles falsch läuft, kann er sich auf die Fehler anderer konzentrieren. Sobald er selbst einen konkreten Vorschlag macht, muss er dessen Schwächen und Nebenwirkungen erklären. Vielleicht ist auch das ein Grund, weshalb sich manche politischen Debatten endlos um Kritik drehen, ohne jemals zu einer gemeinsamen Handlung zu gelangen. Die Empörung bietet Sicherheit. Der konkrete Vorschlag macht angreifbar.

Das gilt übrigens auch für mich. Es ist wesentlich einfacher, einen politischen Essay zu schreiben, als eine funktionierende Initiative aufzubauen. Ein Text kann einen Gedanken entwickeln, ohne dass anschließend zehn Menschen über die Formulierung einer gemeinsamen Forderung abstimmen müssen. Politische Praxis ist widerspenstiger. Man muss mit Menschen arbeiten, die andere Prioritäten haben, Termine absagen, Entscheidungen infrage stellen oder die Dinge schlicht anders sehen. Wer dabei nur die Bestätigung seiner eigenen Überzeugungen sucht, wird zwangsläufig enttäuscht. Gemeinsames Handeln verlangt nicht, dass man seine Haltung aufgibt. Aber man muss akzeptieren, dass die eigene Haltung nicht ständig im Mittelpunkt stehen kann.

Die Erschöpfung einer Gesellschaft

Bei aller Kritik an politischer Passivität sollte man einen weiteren Gesichtspunkt nicht übersehen. Viele Menschen sind schlicht erschöpft. Nicht unbedingt psychisch krank oder grundsätzlich überfordert. Aber ihr Alltag ist ausgefüllt. Arbeit, Familie, finanzielle Verpflichtungen, Pflege von Angehörigen, gesundheitliche Probleme und die Sorge um die eigene Zukunft beanspruchen Zeit und Aufmerksamkeit. Wer wirtschaftlich unter Druck steht, hat möglicherweise besonders gute Gründe, politische Veränderungen zu fordern. Gleichzeitig verfügt er oft über weniger Möglichkeiten, sich dafür einzusetzen. Das ist ein Widerspruch, der in manchen politischen Debatten erstaunlich wenig Beachtung findet. Es ist leicht, anderen Menschen vorzuwerfen, sie würden sich nicht ausreichend engagieren. Schwieriger ist es, die Bedingungen zu berücksichtigen, unter denen dieses Engagement stattfinden müsste. Wer mehrere Arbeitsverhältnisse miteinander vereinbaren muss, kann nicht ohne Weiteres an jeder Versammlung teilnehmen. Wer sich um Angehörige kümmert, hat möglicherweise keine Zeit für regelmäßige organisatorische Aufgaben. Und wer finanzielle Schwierigkeiten hat, wird sich genau überlegen, welche zusätzlichen Belastungen er übernehmen kann.

Politische Beteiligung ist deshalb auch eine Frage verfügbarer Ressourcen. Zeit, Geld, Bildung, soziale Kontakte und organisatorische Erfahrung beeinflussen, welche Möglichkeiten Menschen besitzen, ihre Interessen öffentlich zu vertreten. Das bedeutet nicht, dass wirtschaftlich benachteiligte Menschen grundsätzlich weniger politisch aktiv wären. Unter bestimmten Bedingungen können gerade soziale Belastungen starke Mobilisierung auslösen. Aber Unzufriedenheit allein beseitigt die Hindernisse nicht, die einer Beteiligung entgegenstehen. Vielleicht liegt darin eine der bittersten gesellschaftlichen Erfahrungen: Gerade diejenigen, die Veränderungen besonders dringend benötigen, verfügen häufig über die geringsten Möglichkeiten, sie selbst zu organisieren. Und dann kommt jemand und erklärt ihnen, sie müssten eben endlich aufstehen. So einfach ist es nicht.

Warum die Wut oft die Falschen trifft

Ein weiterer Mechanismus beschäftigt mich besonders. Wenn Menschen unter wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Belastungen leiden, richtet sich ihre Unzufriedenheit nicht zwangsläufig gegen die Entscheidungen oder Strukturen, die dazu beigetragen haben. Sie kann sich auch gegen andere gesellschaftliche Gruppen richten. Gegen Menschen, die vermeintlich bevorzugt werden. Gegen politische Gegner, Migranten, Beschäftigte des öffentlichen Dienstes, Unternehmer oder Sozialleistungsempfänger. Die jeweiligen Feindbilder unterscheiden sich je nach politischem Umfeld. Das Grundmuster kann ähnlich sein. Komplexe Verteilungskonflikte werden auf Gruppen übertragen, die als unmittelbare Ursache des eigenen Problems erscheinen. Dabei gibt es durchaus reale Interessengegensätze. Staatliche Mittel sind begrenzt, politische Entscheidungen begünstigen manche Gruppen stärker als andere, und nicht jede Kritik an einer bestimmten Verteilung ist Ausdruck von Vorurteilen. Aber die entscheidende Frage lautet, ob die behaupteten Zusammenhänge tatsächlich bestehen.

Wenn beispielsweise kommunale Haushalte unter Druck geraten, muss man untersuchen, welche Ausgaben steigen, welche Einnahmen fehlen und welche Entscheidungen dafür verantwortlich sind. Es genügt nicht, eine besonders sichtbare Ausgabengruppe herauszugreifen und zum alleinigen Grund der Schwierigkeiten zu erklären. Dasselbe gilt für die wirtschaftliche Entwicklung. Wenn industrielle Arbeitsplätze verloren gehen, kann man darüber streiten, welche Rolle Energiepolitik, Unternehmensentscheidungen, internationale Konkurrenz oder technologische Veränderungen spielen. Wer dagegen eine einzelne gesellschaftliche Gruppe pauschal verantwortlich macht, ersetzt Ursachenforschung durch Schuldzuweisung. Politisch kann das durchaus erfolgreich sein. Es bietet eine einfache Erklärung und einen erkennbaren Gegner. Aber es führt nicht zwangsläufig zu einer Lösung. Im Gegenteil: Menschen, die in bestimmten Fragen gemeinsame Interessen hätten, können dadurch gegeneinander aufgebracht werden. Ob dies im Einzelfall bewusst politisch betrieben wird oder aus vorhandenen gesellschaftlichen Konflikten entsteht, muss jeweils untersucht werden. Eine allgemeine Behauptung, die Bevölkerung werde zentral gesteuert gegeneinander ausgespielt, wäre selbst wieder eine jener bequemen Gesamterklärungen, die ich für problematisch halte. Die Wirkung der Polarisierung lässt sich allerdings auch ohne eine solche Unterstellung beschreiben. Wer sich gegenseitig bekämpft, wird kaum gemeinsam handeln.

Die merkwürdige Sehnsucht nach dem starken Einzelnen

Wo das Vertrauen in gemeinsame politische Handlungsmöglichkeiten schwindet, wächst möglicherweise die Attraktivität einfacher Führungsversprechen. Dann soll endlich jemand kommen, der aufräumt, durchgreift und die Dinge wieder in Ordnung bringt. Ein Politiker, eine neue Partei, eine charismatische Persönlichkeit. Jemand, der nicht lange diskutiert. Das Versprechen ist verführerisch, weil es Verantwortung verlagert. Man muss sich nicht mehr selbst mit widersprüchlichen Interessen und schwierigen Entscheidungen beschäftigen. Man muss nur den Richtigen unterstützen. Natürlich benötigt Politik Führung und Entscheidungsfähigkeit. Demokratische Verfahren dürfen nicht dazu führen, dass notwendige Entscheidungen endlos verschoben werden. Aber zwischen politischer Führung und der Sehnsucht nach einem Menschen, der sämtliche Probleme allein lösen soll, besteht ein erheblicher Unterschied.

Eine demokratische Gesellschaft kann ihre Probleme nicht dauerhaft an einzelne Personen delegieren. Sie benötigt Institutionen, die kontrolliert werden können, und Bürger, die bereit sind, diese Kontrolle wahrzunehmen. Gerade das ist mühsam. Es verlangt Sachkenntnis, Ausdauer und die Fähigkeit, mit Ergebnissen umzugehen, die nicht den eigenen Vorstellungen entsprechen. Vielleicht ist deshalb die Hoffnung auf den starken Einzelnen manchmal attraktiver als die Aussicht auf gemeinsame demokratische Arbeit. Die eine verspricht schnelle Veränderung. Die andere verlangt Beteiligung.

Was politische Ohnmacht mit dem Vertrauen macht

Vertrauen ist eine merkwürdige Sache. Es lässt sich nicht einfach anordnen. Wer Menschen erklärt, sie müssten den Institutionen wieder mehr vertrauen, übersieht möglicherweise, dass Vertrauen durch Erfahrungen entsteht. Wenn Entscheidungen nachvollziehbar sind, Fehler eingeräumt und Verantwortlichkeiten geklärt werden, kann Vertrauen wachsen. Wenn dagegen Zuständigkeiten unklar bleiben, Widersprüche nicht erklärt und berechtigte Fragen als störend behandelt werden, kann es schwinden. Das gilt für staatliche Einrichtungen ebenso wie für Parteien, Medien und gesellschaftliche Organisationen. Allerdings darf man Misstrauen nicht mit Erkenntnis verwechseln. Wer grundsätzlich nichts glaubt, ist nicht automatisch kritischer als jemand, der alles glaubt. Beide können sich der eigentlichen Prüfung entziehen.

Kritisches Denken bedeutet, Informationen anhand ihrer Belege zu beurteilen. Auch dann, wenn das Ergebnis den eigenen Erwartungen widerspricht. Gerade in politischen Gruppen habe ich erlebt, wie schwierig das sein kann. Manche Menschen begegnen offiziellen Darstellungen mit äußerster Skepsis, akzeptieren aber alternative Behauptungen nahezu ungeprüft, solange sie zum eigenen Weltbild passen. Das ist kein unabhängiges Denken. Es ist lediglich ein Wechsel der Autorität. An die Stelle einer vermeintlich unfehlbaren Institution tritt ein vermeintlich unfehlbarer Gegenexperte. Wer politische Selbstbestimmung ernst nimmt, sollte sich mit keiner dieser Abhängigkeiten zufriedengeben. Die Fähigkeit, eigene Überzeugungen zu korrigieren, gehört für mich zu den wichtigsten Voraussetzungen einer demokratischen Streitkultur. Und sie ist vermutlich eine der schwierigsten.

Warum Frankreich trotzdem kein einfaches Vorbild ist

Bei den französischen Protesten wird häufig die größere Bereitschaft zum öffentlichen Widerstand hervorgehoben. Dafür gibt es historische und institutionelle Gründe. Frankreich besitzt eine ausgeprägte Tradition gesellschaftlicher Mobilisierung. Gewerkschaften und soziale Bewegungen können unter bestimmten Bedingungen große Teile der Bevölkerung erreichen. Aber die französische Gesellschaft ist ebenso politisch polarisiert. Protestbewegungen geraten auch dort in Konflikte, verlieren gemeinsame Ziele oder werden von Gruppen mit unterschiedlichen Interessen geprägt. Die Fähigkeit, Hunderttausende Menschen zu mobilisieren, bedeutet noch nicht, dass diese Menschen gemeinsam eine tragfähige politische Lösung entwickeln können. Gerade die jüngsten Proteste zeigen diesen Widerspruch. Die öffentliche Mobilisierung kann beeindruckend sein, während die politische Verständigung schwierig bleibt.

Deutschland besitzt wiederum andere Formen gesellschaftlicher Interessenvertretung. Betriebsräte, Gewerkschaften, Verbände und föderale Institutionen bieten Möglichkeiten, Konflikte zu bearbeiten, ohne dass sie zwangsläufig auf der Straße ausgetragen werden müssen. Das ist keine Schwäche. Problematisch wird es erst, wenn diese Verfahren nicht mehr ausreichend funktionieren und gleichzeitig die Fähigkeit verloren geht, gemeinsame Interessen außerhalb der bestehenden Strukturen sichtbar zu machen. Die Frage lautet deshalb nicht, weshalb die Deutschen nicht einfach so werden wie die Franzosen. Interessanter ist, unter welchen Bedingungen Menschen überhaupt bereit sind, ihre Unzufriedenheit in gemeinsames Handeln zu übersetzen. Und welche Erfahrungen sie davon abhalten.

Politische Veränderung beginnt selten mit dem großen Aufstand

Ich glaube inzwischen, dass wir uns auch von einer romantischen Vorstellung politischer Veränderung verabschieden sollten. Die Vorstellung, irgendwann werde die Unzufriedenheit groß genug sein, die Menschen würden geschlossen aufstehen und anschließend werde alles anders. So funktioniert gesellschaftliche Veränderung selten. Große Protestbewegungen entstehen nicht allein aus Empörung. Sie benötigen Organisation, gemeinsame Forderungen, Gelegenheiten zur Mobilisierung und die Erwartung, dass gemeinsames Handeln etwas bewirken kann. Häufig entwickeln sie sich aus kleineren Zusammenhängen. Aus einer Initiative gegen eine konkrete Entscheidung. Aus einer gewerkschaftlichen Auseinandersetzung. Aus Menschen, die gemeinsam Unterlagen prüfen, eine öffentliche Versammlung organisieren oder politische Verantwortliche mit nachvollziehbaren Fragen konfrontieren. Das klingt unspektakulär. Ist es meistens auch. Aber vielleicht liegt gerade darin ein wesentlicher Unterschied zwischen Empörung und politischer Handlungsfähigkeit.

Empörung kann sehr schnell entstehen. Organisation braucht Zeit. Empörung benötigt einen Anlass. Organisation benötigt Verlässlichkeit. Und während Empörung häufig von der Zustimmung Gleichgesinnter lebt, verlangt gemeinsames Handeln die Fähigkeit, mit unterschiedlichen Menschen zusammenzuarbeiten. Das bedeutet nicht, dass jede kleine Initiative erfolgreich sein wird. Meine eigenen Erfahrungen sprechen dagegen. Aber ein gescheitertes Vorhaben kann Erkenntnisse liefern, die bei einem späteren Versuch hilfreich sind. Vorausgesetzt, man beschäftigt sich mit den Ursachen des Scheiterns und erklärt nicht einfach sämtliche anderen Beteiligten für unfähig. Vielleicht beginnt politische Selbstwirksamkeit genau dort: bei Erfahrungen, die zeigen, dass eigenes Handeln zumindest begrenzte Veränderungen bewirken kann. Eine beantwortete Anfrage, eine nachvollziehbar korrigierte Entscheidung, eine erfolgreich organisierte Veranstaltung. Das mag im Vergleich zu den großen politischen Problemen bescheiden erscheinen. Aber wer niemals erlebt, dass gemeinsames Handeln irgendeine Wirkung entfaltet, wird schwerlich Vertrauen in größere Veränderungen entwickeln.

Wir haben gelernt, uns zu empören. Aber haben wir auch gelernt, zusammenzuarbeiten?

Am Ende bleibt für mich eine unbequeme Beobachtung. Wir verfügen über nahezu unbegrenzte Möglichkeiten, Informationen auszutauschen, politische Entscheidungen zu kommentieren und öffentlich Kritik zu äußern. Noch nie war es für einen einzelnen Menschen so einfach, seine Meinung einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Aber daraus folgt nicht automatisch eine größere Fähigkeit zur gemeinsamen politischen Gestaltung. Vielleicht haben wir uns in manchen Bereichen sogar daran gewöhnt, politische Beteiligung mit öffentlicher Meinungsäußerung gleichzusetzen. Man schreibt, kommentiert, teilt und widerspricht. Das kann sinnvoll sein. Es kann Missstände sichtbar machen und Menschen miteinander verbinden. Nur ersetzt es nicht die Arbeit, die notwendig ist, um aus gemeinsamen Interessen gemeinsame Forderungen und schließlich konkrete Veränderungen entstehen zu lassen.

Hinzu kommt die politische Lagerbildung. Wer ständig darauf achten muss, nicht mit den Falschen verwechselt zu werden, wird irgendwann vorsichtig. Wer die Anerkennung seiner eigenen Gruppe nicht verlieren möchte, stellt möglicherweise bestimmte Fragen nicht mehr. Und wer davon überzeugt ist, dass ohnehin alles von unzugänglichen Mächten gesteuert wird, findet kaum noch einen Grund, sich mit konkreten Entscheidungen auseinanderzusetzen. So können Menschen gleichzeitig hochgradig politisiert und praktisch handlungsunfähig sein. Sie wissen sehr genau, wogegen sie sind. Aber sie wissen nicht mehr, mit wem sie etwas verändern könnten.

Vielleicht liegt darin eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. Nicht darin, noch mehr Empörung zu erzeugen. Davon haben wir reichlich. Sondern darin, wieder Vertrauen in die Möglichkeit gemeinsamen Handelns zu entwickeln. Das verlangt allerdings etwas, das in der gegenwärtigen politischen Kultur nicht besonders hoch im Kurs steht: die Bereitschaft, sich selbst infrage zu stellen. Man muss akzeptieren, dass die eigene politische Gruppe nicht immer recht hat. Dass Menschen mit anderen Überzeugungen gelegentlich zutreffende Beobachtungen machen. Dass eine berechtigte Kritik nicht automatisch eine richtige Erklärung liefert. Und dass gemeinsame Arbeit manchmal bedeutet, auf die nächste persönliche Grundsatzrede zu verzichten. Vor allem muss man lernen, zwischen dem Bedürfnis nach Bestätigung und dem Wunsch nach tatsächlicher Veränderung zu unterscheiden.

Ich nehme mich davon ausdrücklich nicht aus. Auch ich schreibe politische Texte, beschäftige mich mit Widersprüchen und versuche, Entwicklungen zu verstehen. Und auch ich habe erlebt, dass es wesentlich einfacher ist, einen Missstand zu beschreiben, als Menschen für eine gemeinsame praktische Aufgabe zusammenzubringen. Vielleicht ist gerade diese Erfahrung der Grund, weshalb mich das Thema inzwischen so beschäftigt. Denn wenn wir ehrlich sind, fehlt es nicht an Menschen, die etwas verändern möchten. Es fehlt häufig an der Fähigkeit, aus unterschiedlichen Vorstellungen eine gemeinsame, begrenzte und verlässliche Handlung entstehen zu lassen. Das ist kein Problem, das sich durch den nächsten politischen Aufruf erledigen wird. Es betrifft unsere Erwartungen, unsere Erfahrungen, unser Verhältnis zu Autorität und unsere Bereitschaft, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die nicht in jeder Frage unserer Meinung sind.

Eine Gesellschaft kann wirtschaftlich unter Druck stehen und trotzdem politisch handlungsfähig bleiben. Sie kann aber auch voller Empörung sein und sich gleichzeitig immer weiter in voneinander abgeschlossene Gruppen aufteilen. Dann entsteht eine merkwürdige Situation. Alle reden von Veränderung. Jeder weiß, wer sie verhindert. Und am Ende bleibt fast alles, wie es ist.

Vielleicht sollten wir uns deshalb weniger häufig fragen, weshalb die anderen nicht endlich aufstehen. Interessanter wäre, weshalb wir selbst so große Schwierigkeiten haben, uns mit anderen auf etwas zu verständigen, für das es sich tatsächlich aufzustehen lohnt.

Redaktionelle Einordnung: Der Beitrag ist bewusst als gesellschaftspsychologischer Essay geschrieben, nicht als wissenschaftliche Untersuchung. Begriffe wie erlernte Hilflosigkeit, politische Selbstwirksamkeit und motivierte Informationsverarbeitung stammen aus der psychologischen Forschung. Ihre Anwendung auf die deutsche Protestkultur ist hier eine begründete Interpretation, keine empirisch nachgewiesene Gesamterklärung.

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