Warum „Störung und Wirkung“ scheiterte – und was die europäischen Proteste damit zu tun haben
Im Frühjahr habe ich die Aktionsgruppe Bergstraße „Störung und Wirkung“ ins Leben gerufen. Einer unserer Grundgedanken war, sozialen Protest mit der Kritik an Aufrüstung, Krieg und politischer Eskalation zu verbinden. Wie hängen politische Prioritäten, öffentliche Ausgaben und die Lebensbedingungen der Menschen zusammen? Wer trägt die Kosten? Und weshalb werden gesellschaftliche Bedürfnisse so häufig unter einen Finanzierungsvorbehalt gestellt, während militärische Vorhaben als kaum verhandelbare Notwendigkeit erscheinen?
Heute sehe ich in verschiedenen europäischen Ländern Menschen auf die Straße gehen, deren Forderungen sich mit Teilen unseres damaligen Anliegens überschneiden. Das wirft eine unangenehme Frage auf: Warum gelang es uns nicht, daraus eine tragfähige gemeinsame Arbeit zu entwickeln?
Die bequemste Antwort wäre, wir seien unserer Zeit voraus gewesen. Die zweitschönste: Die anderen hätten es eben nicht verstanden. Beide Antworten würden mir einen Teil der Selbstprüfung ersparen. Sie erklären aber zu wenig.
Unsere Gruppe scheiterte, obwohl ihr Ausgangsanliegen politisch relevant war. Gerade deshalb lohnt sich der Rückblick. Denn eine richtige Frage organisiert noch keine Bewegung. Und Menschen, die dieselbe Entwicklung ablehnen, verfolgen deshalb noch lange dasselbe Vorhaben.
Dieser Text ist meine rückblickende Einordnung. Er beruht auf meinen Erfahrungen und damaligen Äußerungen. Andere Beteiligte können einzelne Abläufe anders erlebt haben. Ich kann Verhalten und Folgen beschreiben; über die inneren Motive jedes Einzelnen verfüge ich nicht.
Die Gemeinsamkeit war weniger geklärt, als sie wirkte
Am Anfang lässt sich Zustimmung vergleichsweise leicht herstellen. Wer ist schon für Krieg, soziale Verelendung oder politische Manipulation? In einer kleinen Runde können solche Übereinstimmungen sehr verbindend wirken. Man hört vertraute Kritik, erkennt eigene Sorgen wieder und spürt: Hier muss ich nicht alles von vorne erklären.
Das ist ein guter Anfang. Als politische Grundlage reicht es nicht.
Denn hinter derselben Zustimmung können unterschiedliche Erwartungen stehen. Der eine möchte eine konkrete Aktion vorbereiten. Eine andere sucht Austausch. Jemand möchte seine politische Erklärung der Welt zur Diskussion stellen. Wieder jemand will vor allem erleben, mit seiner Unzufriedenheit nicht allein zu sein. All das kann menschlich nachvollziehbar sein. Eine Aktionsgruppe muss trotzdem klären, was davon ihren gemeinsamen Auftrag bildet.
Bei uns war die politische Absicht offenbar weiter entwickelt als die Übereinkunft darüber, wie sie praktisch werden sollte. Schon am 20. April beklagte ich fehlende Struktur, Verbindlichkeit und Eigeninitiative. „Tragfähig ist das Ganze noch lange nicht“, schrieb ich damals.
Das ist wichtig, weil es die nachträgliche Erklärung korrigiert, erst irgendwann später sei alles unbestimmt geworden. Die organisatorische Schwäche war früh vorhanden. Die spätere Unbestimmtheit konnte auf ihr aufbauen.
Wir konnten sichtbare Aktionen durchführen. Das war eine Leistung. Aber eine Aktion gemeinsam hinzubekommen und eine dauerhaft arbeitsfähige Gruppe zu bilden, sind unterschiedliche Aufgaben. Für die zweite braucht es geklärte Zuständigkeiten, gemeinsame Prioritäten und Entscheidungen, die auch nach dem Treffen noch gelten.
Die Unbestimmtheit konnte den Zusammenhalt schützen – und die Arbeit lähmen
„Aufklärung“, „Frieden“, „Eigenverantwortung“, „kritisches Denken“: Gegen solche Begriffe wird kaum jemand aus einer politisch unzufriedenen Runde Einspruch erheben. Deshalb eignen sie sich hervorragend, um Gemeinsamkeit auszudrücken. Sie eignen sich ebenso gut, um Unterschiede zu verdecken.
Solange ein Text allgemein genug bleibt, kann fast jeder die eigene Vorstellung darin wiederfinden. Erst eine konkrete Forderung macht sichtbar, ob tatsächlich Einigkeit besteht.
Was verlangen wir? Von wem? Mit welchem nächsten Schritt? Was gehört zu dieser Kampagne, und welche anderen wichtigen Themen lassen wir dafür zunächst liegen?
Wenn eine Gruppe solche Fragen immer wieder offenhält, kann das wie besondere Offenheit aussehen. Tatsächlich lässt sich damit auch die notwendige Entscheidung vermeiden. Die Harmonie bleibt vorläufig erhalten. Die gemeinsame Handlungsfähigkeit nimmt ab.
Ich vermute, dass bei uns genau dieser Mechanismus wirkte. Unsere Aussagen wurden breiter, während der konkrete Auftrag schwerer erkennbar wurde. Das muss keine bewusste Täuschung gewesen sein. Es kann ein Versuch gewesen sein, Menschen zusammenzuhalten, deren politische Vorstellungen bereits auseinanderliefen.
Auch ich muss mir dabei eine Frage stellen: Habe ich zu lange versucht, durch bessere Formulierungen eine Gemeinsamkeit herzustellen, die praktisch noch gar nicht vorhanden war? Ein präziser Text kann eine Einigung ausdrücken. Er kann sie nicht stellvertretend für die Beteiligten vollziehen.
Rechts und links verschwinden nicht durch einen gemeinsamen Termin
In der Gruppe begegneten sich linke, altlinke und rechte Teilnehmer. Das musste nicht zwangsläufig zum Scheitern führen. Unterschiedliche politische Herkunft kann den Blick erweitern. Für eine begrenzte gemeinsame Forderung müssen Menschen nicht ihr gesamtes Weltbild miteinander teilen.
Aber die Unterschiede verschwinden nicht, weil alle auf demselben Platz stehen.
Die Ablehnung von Aufrüstung kann aus verschiedenen Überzeugungen entstehen: aus internationalistischer Solidarität, aus pazifistischen Grundsätzen, aus Sorge um soziale Ausgaben oder aus einem nationalen Interesse an außenpolitischer Unabhängigkeit. Diese Motive können bei einem konkreten Anliegen zusammenfinden. Bei anderen Fragen geraten sie aneinander.
Eine tragfähige Zusammenarbeit hätte deshalb benennen müssen, worin genau sie besteht und wo ihre Grenzen liegen. Welche Forderung tragen alle? Welche grundlegenden Maßstäbe gelten? Was darf niemand ungefragt im Namen der Gruppe verbreiten?
Der Begriff „Querfront“ erklärt das allein nicht. Die Zusammenarbeit über politische Lager hinweg ist noch kein Beweis für eine gemeinsame autoritäre Ideologie. Umgekehrt ist der Anspruch, über den Lagern zu stehen, kein Schutz vor deren Inhalten.
Problematisch wird es, wenn aus einer begrenzten Zusammenarbeit die Erwartung einer umfassenden Gemeinschaft entsteht. Dann wird die Gruppe zum Ort, an dem jede politische Grundsatzfrage mitverhandelt werden soll. Ein Flugblatt muss plötzlich auch den Streit über Geschichte, Nation, Medien und gesellschaftliche Ordnung lösen. Das kann es nicht.
So konnte aus der versprochenen Offenheit eine dauernde Auseinandersetzung darüber werden, wem die Gruppe politisch gehört.
Wenn „kritisches Denken“ die eigenen Behauptungen verschont
Hinzu kamen Inhalte, die ich rückblickend ausdrücklich benennen muss: Chemtrail-Erzählungen, geschichtsrevisionistische Deutungen und die Behauptung, Hitler sei links gewesen.
Damit beschreibe ich Inhalte, die innerhalb der Gruppe auftauchten. Ich behaupte weder, dass alle Teilnehmer sie vertraten, noch, dass jeder diese verschiedenen Vorstellungen miteinander verband. Aber auch einzelne Beiträge können eine Gruppe prägen, wenn ungeklärt bleibt, wie mit ihnen umzugehen ist.
Das Problem beginnt dort, wo der Anspruch auf kritisches Denken ungleich verteilt wird. Eine amtliche Erklärung wird bis ins letzte Detail angezweifelt; ein passendes Video aus einem Telegramkanal gilt dagegen schnell als Enthüllung. Bei der einen Quelle sucht man nach jeder möglichen Interessenkollision. Bei der anderen genügt, dass sie gegen die vermeintlich falsche Seite spricht.
So wird Misstrauen zum Ersatz für Prüfung.
Institutionen können täuschen, Informationen zurückhalten und Fehler vertuschen. Gerade deshalb braucht Kritik belastbare Belege und nachvollziehbare Schlussfolgerungen. Aus realen Täuschungen folgt keine allgemeine Bestätigung jeder Gegenerzählung. Der Satz „Man hat uns schon einmal belogen“ beantwortet die Frage nicht, ob diese konkrete Behauptung stimmt.
Die entscheidende Probe lautet: Was müsste geschehen, damit ich meine Auffassung ändere? Welche Beobachtung würde gegen meine Erklärung sprechen? Wer darauf keine mögliche Antwort mehr zulässt, hat seine Überzeugung gegen Überprüfung abgeschirmt.
Chemtrails: Ein unbelegter Verdacht wird zum politischen Nebenschauplatz
Bei Chemtrails muss man genau sagen, worüber man spricht. Flugverkehr verursacht Schadstoffemissionen; Kondensstreifen und daraus entstehende Wolken haben klimatische Auswirkungen. Wetterbeeinflussung und Geoengineering sind ebenfalls reale Forschungs- und Politikthemen. Daraus folgt jedoch kein Beleg dafür, dass gewöhnliche Flugzeuge im Rahmen eines geheimen großflächigen Programms die Bevölkerung besprühen.
Für diese Chemtrail-Erzählung fehlen belastbare wissenschaftliche Belege. Auch langlebige und sich ausbreitende Kondensstreifen lassen sich meteorologisch erklären. Die Existenz sichtbarer Streifen beweist kein geheimes Sprühprogramm.[1]
In einer Aktionsgruppe kommt zum Wahrheitsproblem das Problem der gemeinsamen Aufmerksamkeit hinzu. Jede Stunde, die für einen solchen Verdacht verwendet wird, fehlt möglicherweise bei der Prüfung eines Haushalts, der Vorbereitung einer Veranstaltung oder der Formulierung einer verständlichen Forderung.
Über einen konkreten Etat lässt sich streiten. Man kann Zahlen vergleichen, Verantwortliche benennen und Änderungen verlangen. Eine allumfassende geheime Operation entzieht sich dieser Bearbeitung leicht: Fast jede fehlende Bestätigung lässt sich dann als weiterer Hinweis auf die angebliche Vertuschung deuten.
Das kann Handlungsfähigkeit schwächen. Wer überall eine kaum greifbare Macht vermutet, mag sich besonders aufgeklärt fühlen und zugleich immer weniger Ansatzpunkte für wirksames Handeln erkennen.
„Hitler war links“: Geschichte als Werkzeug des heutigen Lagerkampfs
Die Behauptung „Hitler war links“ ist keine beiläufige sprachliche Ungenauigkeit. Sie verschiebt die historische Einordnung des Nationalsozialismus und kann dazu dienen, das eigene politische Lager von dessen Geschichte zu entlasten.
Nationalsozialistische Selbstbezeichnungen und soziale Versprechen erklären seine Herrschaft nicht hinreichend. Entscheidend sind Ideologie, Praxis und Machtordnung. Die Nationalsozialisten zerstörten die unabhängigen Gewerkschaften, verfolgten Sozialdemokraten und Kommunisten und ersetzten politische Gleichheit durch eine rassistisch definierte, autoritär geführte „Volksgemeinschaft“. Diese Merkmale tragen die Einordnung des Nationalsozialismus als rechtsextreme, rassistische und antimarxistische Bewegung.[2]
Der historische Befund wird nicht dadurch umgekehrt, dass das Regime wirtschaftlich eingriff oder einzelne sozialpolitische Maßnahmen durchführte. Staatliche Lenkung allein macht eine Herrschaft nicht links. Auch ihr Parteietikett ersetzt keine Untersuchung dessen, was sie tatsächlich tat.
Das bedeutet keine Entlastung autoritärer Regime, die sich links nannten. Deren Verbrechen müssen eigenständig untersucht werden. Geschichte wird aber nicht genauer, wenn man sie nach dem heutigen Bedarf an politischen Entlastungszeugen umsortiert.
Nicht jede Revision einer historischen These ist Geschichtsrevisionismus im problematischen Sinn. Forschung muss bisherige Erkenntnisse anhand neuer Quellen korrigieren können. Problematisch ist eine Umdeutung, die Quellen selektiv benutzt, Verantwortung relativiert oder ein politisch erwünschtes Ergebnis bereits voraussetzt. Welche weiteren konkreten Aussagen bei uns unter „Revisionismus“ fielen, müsste anhand der jeweiligen Äußerung geprüft werden. Der Sammelbegriff darf die Prüfung nicht ersetzen.
Für unsere Zusammenarbeit war schon die Auseinandersetzung um solche Inhalte folgenreich. Wer eine Friedens- und Sozialinitiative aufbauen will, braucht eine gemeinsame Tatsachengrundlage. Andernfalls wird jede Sachfrage zu einem neuen Streit über die gesamte politische Wirklichkeit.
Was solche Erzählungen psychologisch leisten können
Es wäre zu einfach, Beteiligte deshalb für dumm oder verrückt zu erklären. Menschen suchen nach Erklärungen, besonders wenn sie Kontrollverlust, politische Ohnmacht und gesellschaftliche Unsicherheit erleben.
Psychologische Forschung beschreibt, dass Verschwörungserzählungen Bedürfnisse nach Verständnis und Gewissheit, nach Sicherheit und Kontrolle sowie nach einer positiven Identität der eigenen Gruppe ansprechen können. Das sind allgemeine Erklärungsmöglichkeiten, keine Diagnose unserer Teilnehmer. Dass eine Erzählung solche Bedürfnisse anspricht, bedeutet außerdem nicht, dass sie diese dauerhaft befriedigt.[3]
Eine vermeintliche Enthüllung kann eine schwer überschaubare Lage übersichtlicher erscheinen lassen: Hinter vielen widersprüchlichen Entwicklungen steckt dann angeblich ein einziger Plan. Zugleich bietet sie eine besondere Position. Man gehört zu denen, die ihn erkannt haben.
Dadurch kann eine Behauptung mehr werden als eine überprüfbare Aussage. Sie wird Teil des eigenen Selbstverständnisses. Widerspruch trifft dann möglicherweise nicht nur den Inhalt, sondern das Gefühl, ein unabhängiger und durchblickender Mensch zu sein.
Auch die Gruppe kann eine solche Funktion bekommen: Sie bestätigt, dass man mit seinem Misstrauen nicht allein ist. Das schafft Bindung. Es kann aber dazu führen, dass die gegenseitige Bestätigung wichtiger wird als die gemeinsame Aufgabe.
Für mich liegt hier eine der schwierigsten Fragen des Rückblicks: Waren wir immer bereit, auch jene Gewissheiten zu prüfen, die uns persönlich Halt gaben? Oder verlangten wir Offenheit vor allem von den anderen?
Offenheit braucht ein Verfahren
Eine Gruppe kann an einem unverhältnismäßigen Prüfaufwand ermüden. Jemand stellt eine weitreichende Behauptung in wenigen Sätzen auf. Andere brauchen Stunden, um Quellen zu prüfen und die Fehler zu erklären. Danach steht womöglich schon die nächste Behauptung im Raum.
Wenn niemand entscheidet, wann ein Thema ausreichend behandelt wurde, erhält die Beharrlichkeit einzelner Teilnehmer ein faktisches Vetorecht. Die Gruppe kommt erst weiter, wenn diese zufrieden sind. Dafür braucht es keine formelle Führungsposition.
Das ist eine mögliche Dynamik, keine pauschale Charakterbeschreibung. Sie macht aber verständlich, weshalb auch eine ausdrücklich hierarchiekritische Gruppe von wenigen Personen dominiert werden kann.
Die notwendige Grenze hätte lauten müssen: Du darfst diese Frage untersuchen. Daraus folgt kein Anspruch, sie zum Thema unserer gemeinsamen Aktion zu machen. Für gemeinsame Veröffentlichungen gelten Belege, ein vereinbarter Schwerpunkt und ein nachvollziehbares Entscheidungsverfahren.
Ohne solche Regeln gewinnt häufig, wer am längsten redet, am wenigsten nachgibt oder die meiste organisatorische Arbeit übernimmt. Keine dieser Eigenschaften ist für sich genommen ein demokratisches Mandat.
Der Heppenheimer Ableger: ein eigener Bruch
Die ursprüngliche Aktionsgruppe und der spätere Heppenheimer Ableger dürfen dabei nicht zu einer einzigen Geschichte zusammengeschoben werden.
Im Heppenheimer Zusammenhang kam nach meiner Wahrnehmung ein weiterer Bruch hinzu: der Alleingang einer Mitbegründerin und die Umbenennung zur „Friedensgruppe“. Diese Entwicklung erlebte ich als einseitige Richtungsentscheidung. Meines Wissens finden dort inzwischen keine entsprechenden Aktivitäten mehr statt. Eine vollständig überprüfte Bestandsaufnahme ist das nicht.
Eine Umbenennung allein zerstört selbstverständlich keine Initiative. Entscheidend ist, was sie für die Beteiligten bedeutet. Drückt sie eine gemeinsam beschlossene Entwicklung aus? Oder erleben andere, dass ihre Arbeit in einen Rahmen überführt wird, über den sie nicht mitentschieden haben?
Im zweiten Fall geht es um Vertrauen und Zugehörigkeit. Menschen investieren Zeit auch deshalb, weil sie sich als Mitgestalter verstehen. Wenn dieser Einfluss wegfällt, kann dieselbe Aufgabe plötzlich wie Zuarbeit für das Projekt eines anderen erscheinen.
Dabei können beide Seiten ihre Rolle aufrichtig als notwendig erleben: Die einen wollen endlich entscheiden und vorankommen. Die anderen erleben genau dieses Vorgehen als Entmachtung. Ohne gemeinsam anerkannte Regeln wird aus dem Sachkonflikt schnell eine Frage persönlicher Loyalität.
Das macht den Vorgang nicht harmlos. Es erklärt, weshalb gute Absichten die zerstörerischen Folgen einer einseitigen Entscheidung nicht aufheben.
Mein Anteil: Verantwortung lässt sich nicht für andere übernehmen
Ich wollte eine Gruppe, die handelt. Wenn Arbeit liegen blieb, lag es nahe, sie selbst zu erledigen: Texte formulieren, Themen ordnen, nächste Schritte vorbereiten. Das hält ein Projekt zunächst am Laufen. Es kann zugleich verdecken, wie wenig gemeinsame Verantwortung bereits vorhanden ist.
Wer immer wieder einspringt, verhindert den unmittelbaren Stillstand. Er schafft damit aber noch keine verlässliche Beteiligung.
Mein damaliger Satz, ich habe keine Lust, „die Leute zum Kämpfen zu tragen“, zeigt diese Erschöpfung. Heute würde ich ergänzen: Vielleicht hätte früher sichtbar werden müssen, wer welche begrenzte Aufgabe tatsächlich übernehmen will. Dann wäre die Gruppe womöglich kleiner gewesen. Ihre wirkliche Tragfähigkeit wäre aber deutlicher geworden.
Auch meine Dringlichkeit konnte nicht automatisch die Dringlichkeit aller anderen sein. Wer den Zusammenhang zwischen sozialen Belastungen und militärischen Prioritäten für zentral hält, kann enttäuscht sein, wenn andere abschweifen. Trotzdem muss geklärt werden, ob sie diesen Schwerpunkt gemeinsam tragen wollen. Er lässt sich nicht durch noch mehr persönlichen Einsatz herstellen.
Was die Proteste in Europa zeigen
Die gegenwärtigen Proteste machen Teile unseres damaligen Anliegens erneut sichtbar. In verschiedenen Ländern mobilisieren Menschen wegen hoher Lebenshaltungskosten, Wohnungsnot, schlechter Schulbedingungen und öffentlicher Leistungen. Teilweise wird dies ausdrücklich mit Kritik an militärischen Ausgaben verbunden. Die Ausgangspunkte und politischen Zusammensetzungen unterscheiden sich jedoch erheblich.[4]
Deshalb wäre es falsch, diese Proteste pauschal als Bestätigung unserer gesamten Analyse zu vereinnahmen. Wer für bezahlbare Wohnungen demonstriert, teilt damit nicht automatisch jede friedenspolitische Position. Wer eine bessere Schule verlangt, hat sich noch keiner umfassenden Systemerklärung angeschlossen.
Gerade darin liegt eine Lehre. Gemeinsames Handeln kann an einem begrenzten, überprüfbaren Problem beginnen. Eine verfallende Schule ist konkret. Ein fehlender Lehrer ebenfalls. Wer zuständig ist und welche Mittel fehlen, lässt sich untersuchen.
Der französische Gewerkschaftsaufruf für den 5. November benennt Löhne, Beschäftigung, öffentliche Dienste und Industrie. Er wird von mehreren Gewerkschaftsbünden getragen. Hier treffen konkrete Forderungen auf vorhandene Organisationsstrukturen. Ob daraus dauerhafte Erfolge entstehen, ist offen; die Voraussetzungen unterscheiden sich aber grundlegend von denen einer kleinen neu gegründeten Initiative.[5]
Auch die Verbindung mit Aufrüstung muss jeweils belegt werden. Aus der Gleichzeitigkeit steigender Militärausgaben und sozialer Probleme folgt noch kein genauer Nachweis, welcher einzelne Ausgabenposten welchen anderen verdrängt. Politische Prioritäten, Finanzierung und gesellschaftliche Folgen gehören untersucht. Die Verbindung wird überzeugender, wenn sie sich an Entscheidungen zeigen lässt, statt nur als allgemeiner Verdacht im Raum zu stehen.
Deutschland und die fehlenden Verbindungen
Die Unterschiede zu Deutschland sind mehr als eine Frage nationaler Mentalität. Eine aktuelle Untersuchung zur deutschen Friedensbewegung beschreibt schwächere Verbindungen neuer Initiativen zu bestehenden Netzwerken und ein rückläufiges friedenspolitisches Engagement etablierter linker Parteien und Gewerkschaften.[6]
Das erschwert die Verbindung zwischen sozialem Protest und Friedenspolitik. Ohne betriebliche, gewerkschaftliche oder andere gewachsene Zusammenhänge muss eine kleine Initiative vieles selbst herstellen: Vertrauen, Reichweite, Material, Räume und verlässliche Mitarbeit.
Hinzu kommt die politische Deutung. Menschen können dieselben sozialen Sorgen haben und militärische Ausgaben trotzdem unterschiedlich bewerten. Manche sehen darin notwendige Verteidigung; andere eine gefährliche Prioritätenverschiebung. Wer sie gewinnen will, muss diese Differenz argumentativ bearbeiten. Sie als bloße Verblendung abzutun, würde den eigenen Aufklärungsanspruch unterlaufen.
Die Bedingungen waren also schwierig. Sie erklären, weshalb der Aufbau mühsam war. Sie entbinden uns nicht davon, unsere internen Fehler anzusehen.
Was ich aus dem Scheitern mitnehme
Unser Vorhaben brauchte keine Einigkeit über sämtliche politischen Fragen. Es brauchte eine belastbare Einigung über seine eigene Aufgabe.
Dazu hätte gehört, einen begrenzten Schwerpunkt festzulegen, gemeinsame Veröffentlichungen an überprüfbare Belege zu binden und Entscheidungen samt Zuständigkeiten anzuerkennen. Ebenso nötig wäre die Bereitschaft gewesen, eine Zusammenarbeit zu begrenzen, wenn ihre Voraussetzungen fehlten.
Nicht jeder Konflikt ist ein Missverständnis. Manchmal wollen Menschen tatsächlich verschiedene Dinge. Das rechtzeitig zu erkennen, kann ehrlicher und produktiver sein als eine immer allgemeinere Gemeinsamkeit zu beschwören.
Ich halte den Ausgangsgedanken weiterhin für wichtig: Soziale Lebensbedingungen, politische Macht und militärische Prioritäten gehören zusammen betrachtet. Aber eine Initiative, die Macht kritisiert, muss ihre eigenen Machtverhältnisse klären. Wer Aufklärung verlangt, muss die eigenen Behauptungen prüfen lassen. Wer demokratische Teilhabe einfordert, muss anderen tatsächliche Mitentscheidung zugestehen.
„Störung und Wirkung“ ist als Gruppe gescheitert. Daraus folgt nicht, dass ihre Fragen erledigt wären. Es folgt, dass wir aus ihrer Berechtigung zu viel organisatorische Gemeinsamkeit abgeleitet haben.
Die heutigen Proteste führen mir deshalb beides vor Augen: wie anschlussfähig ein Teil unseres Anliegens war – und wie wenig es genügt, diesen Zusammenhang früh gesehen zu haben. Menschen bleiben gemeinsam handlungsfähig, wenn sie sich über ein Vorhaben verständigen, Verantwortung teilen und Unterschiede aushalten können, ohne die Tatsachen oder die Mitbestimmung preiszugeben.
Daran muss sich jede neue Initiative messen lassen. Auch meine eigene.
Quellen und Einordnung
Die Darstellung der Gruppengeschichte beruht auf meiner rückblickenden Schilderung und früheren Äußerungen, insbesondere aus April bis Juni 2026. Sie ist keine unabhängig erhobene Untersuchung sämtlicher Beteiligten. Die psychologischen Erklärungen sind mögliche Mechanismen, keine individuellen Diagnosen.
[1] Umweltbundesamt: „Chemtrails – Gefährliche Experimente mit der Atmosphäre oder bloße Fiktion?“
https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/chemtrails-gefaehrliche-experimente-atmosphaere
Federal Aviation Administration: „Contrails“.
https://www.faa.gov/contrails
[2] United States Holocaust Memorial Museum: „Foundations of the Nazi State“.
https://encyclopedia.ushmm.org/content/en/article/foundations-of-the-nazi-state
German Historical Institute: „Adolf Hitler on Trade Unions (1925)“, historisches Dokument mit Einordnung.
https://germanhistorydocs.org/en/weimar-germany-1918-1933/adolf-hitler-on-trade-unions-1925
[3] Karen M. Douglas, Robbie M. Sutton und Aleksandra Cichocka (2017): „The Psychology of Conspiracy Theories“, Current Directions in Psychological Science. Überblick über den Forschungsstand; keine Studie über diese Gruppe.
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5724570/
[4] Associated Press, 19. Oktober 2026: „From France to Albania, social unrest is setting Europe’s streets ablaze“.
https://apnews.com/article/210ff22c6746b9ec66438ac80740bc0e
The Irish Times, 21. Oktober 2026: „Europe’s angry autumn: what’s driving the wave of protests?“
https://www.irishtimes.com/world/europe/2026/10/21/europes-angry-autumn-whats-driving-the-wave-of-protests/
[5] Gemeinsamer Aufruf von CFDT, CGT, FO, UNSA und FSU vom 5. Oktober 2026 zur Mobilisierung am 5. November.
https://www.cgt.fr/comm-de-presse/appel-la-mobilisation-pour-les-salaires-les-services-publics-lemploi-et-lindustrie
[6] „Zum Stand der deutschen Friedensbewegung: ein Mapping friedenspolitischer Organisationen in Deutschland“, Zeitschrift für Friedens- und Konfliktforschung, veröffentlicht am 22. Juni 2026. Eine Bestandsaufnahme der Organisationslandschaft, kein Beweis für die Ursachen des Scheiterns einer einzelnen Gruppe.
https://link.springer.com/article/10.1007/s42597-026-00173-w
Recherche- und Textstand: 22. Oktober 2026.


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