Viel Verbindung. Wenig Nähe.

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Eine persönliche Bestandsaufnahme

Am Strand von Malo-les-Bains konnte ich morgens mit einem Kaffee und der ersten Zigarette sitzen und für eine Weile den Eindruck haben, die Welt sei noch bewohnbar. Meer, Luft, französisches Essen, ein paar Tage außerhalb des gewohnten Betriebs. Auf derselben Reise fuhren wir mit dem Rad durch ein Flüchtlingslager bei Grande-Synthe, einem Ort nahe Dunkerque in Nordfrankreich. Viele Menschen am Weg, Zelte im Wald. Ich hatte selten etwas gesehen, das mir so unwürdig vorkam und war erleichtert durchgekommen zu sein. Beides gehörte zu diesem Urlaub. Und beides ist mit nach Hause gekommen.

Nach einer solchen Reise fällt auf, wie schnell der Alltag wieder alles besetzt. Man war unterwegs, hat Dinge gesehen, ist durch Regen und Wind gefahren. Dann ist man zurück, und der Alltag klappt zu wie ein Deckel. Dabei gäbe es noch einiges, worin man blättern könnte. Was haben wir eigentlich erlebt? Was bleibt davon? Hat uns etwas berührt, vielleicht unterschiedlich?

Erlebnisse wirken unterschiedlich nach. Manche Menschen möchten darüber sprechen, andere brauchen erst einmal Ruhe. Darüber lässt sich von außen wenig sagen. Aber ohne Austausch bleibt oft unklar, was den anderen überhaupt beschäftigt.

Man kann vieles gemeinsam machen und sich trotzdem mit dem Erlebten allein fühlen.

Das betrifft unser Zusammenleben weit über einzelne Begegnungen hinaus. Wir sind erreichbar, informiert, beschäftigt. Wir sehen einander, schicken Bilder, reagieren auf Beiträge. Und manchmal weiß niemand, was mit dem anderen eigentlich los ist.

Vielleicht beschäftigt mich gerade dieser Widerspruch: Wir suchen Verbindung, aber unter Druck greifen wir zu Dingen, die uns voneinander entfernen können. Zum Rückzug. Zur nächsten Ablenkung. Zur Sicherheit einer Gruppe, in der möglichst alle dasselbe denken. Das kann für einen Moment entlasten. Nur bleibt manchmal genau das auf der Strecke, was uns auf längere Sicht tragen könnte.

Das ist keine Erklärung für alles. Aber ein Zusammenhang, dem ich nachgehen möchte.

Zusammen sein ist noch keine Begegnung

Ich glaube nicht, dass früher alles besser war. Nähe konnte auch Enge sein. Familie konnte ein Ort werden, aus dem man erst einmal herausmusste. Unabhängigkeit ist eine Errungenschaft, und Vertrautheit bedeutet nicht, dass ein Mensch ständig zur Verfügung stehen muss.

Nur bleibt die Frage, wie zwischen selbstständigen Menschen etwas Gemeinsames entsteht.

Dafür muss zwischen zwei Terminen mehr übrig bleiben als die gemeinsame Müdigkeit. Und eine Antwort darf auch einmal anders ausfallen als erwartet. Gelegentlich spricht der andere etwas an, für das man gerade keine gute Formulierung hat. Ein Gespräch kann lästig sein, weil es die schöne Ordnung im eigenen Kopf stört. Genau deshalb kann es notwendig werden.

Ich merke bei mir: Ich möchte Erlebnisse nicht bloß sammeln. Ich möchte verstehen, was sie mit uns machen. Das lässt sich nicht einfordern wie eine vereinbarte Arbeitsleistung. Aber dauerhaft darauf verzichten möchte ich auch nicht.

Vielleicht liegt hier ein Konflikt, den wir zu schnell mit Schlagwörtern erledigen. Der eine gilt als anstrengend, der andere als oberflächlich. Schon sind die Rollen verteilt, und niemand muss mehr genauer hinsehen. Dabei könnte hinter dem Rückzug Erschöpfung stehen, hinter dem vielen Reden Unsicherheit, hinter beidem ein unterschiedlicher Umgang mit Nähe. Das wären Möglichkeiten, keine Diagnosen.

Entscheidend wäre, ob man einander noch danach fragen darf.

Es gibt einen Unterschied zwischen dem Wunsch nach Nähe und dem Anspruch, der andere müsse dieselbe Form von Nähe brauchen. Den muss ich mir auch selbst zumuten. Wer ein Erlebnis ausführlich besprechen möchte, erlebt das Gespräch vielleicht als Fortsetzung der Gemeinsamkeit. Wer es lieber still nachwirken lässt, empfindet dasselbe Gespräch möglicherweise als zusätzliche Aufgabe. Keiner dieser Unterschiede beweist schon Gleichgültigkeit. Aber wenn darüber nicht gesprochen wird, kann sich eine schmerzhafte Schleife bilden: Der eine fragt häufiger nach, weil ihm Verbindung fehlt. Der andere zieht sich weiter zurück, weil ihm die Nachfrage zu viel wird. Beide sehen schließlich im Verhalten des anderen den Grund für das eigene.

Solche Abläufe lassen sich nicht aus einem einzelnen Erlebnis ableiten. Aber der Rat, man müsse eben mehr miteinander reden, greift zu kurz, wenn schon das Reden für beide etwas Unterschiedliches bedeutet.

Nur darf dabei die Gegenseitigkeit nicht verschwinden. Verständnis für unterschiedliche Bedürfnisse darf nicht bedeuten, dass immer derselbe Mensch auf sein Bedürfnis verzichtet. Wenn Rückzug selbstverständlich akzeptiert werden soll, der Wunsch nach Austausch aber dauerhaft als lästig gilt, gerät das Miteinander aus dem Gleichgewicht. Dann reicht Geduld allein nicht. Dann geht es um die unbequeme Frage, welche Bedürfnisse überhaupt einen verlässlichen Platz bekommen.

Der Alltag hat immer noch etwas vor

Wir müssen funktionieren. Arbeiten, Rechnungen bezahlen, Termine einhalten, uns um Menschen kümmern. Wer finanziell unter Druck steht oder mit Krankheit zu tun hat, besitzt oft nicht die Ruhe, die in wohlmeinenden Ratschlägen einfach vorausgesetzt wird.

Ich finde es billig, daraus ein persönliches Versagen zu machen. Nicht jeder, der wenig spricht, hat Angst vor Tiefe. Manchmal ist er einfach fertig.

Trotzdem frage ich mich, wie viel von unserem Betrieb notwendig ist und wie viel inzwischen der Vermeidung dient. Solange noch etwas zu erledigen ist, kann das schwierigere Gespräch warten. Solange das nächste Video läuft, muss die eigene Unruhe keinen Namen bekommen.

Zerstreuung tut gut. Musik, ein Film, ein alberner Abend können einen wieder auf die Beine bringen. Niemand muss bei jedem Kaffee die gesellschaftlichen Verhältnisse zerlegen. Auch ein Systemkritiker darf eine Amarena-Kirsche essen, ohne ihre Lieferkette als Schicksalsfrage zu behandeln.

Aber die Pause kann sich ausdehnen. Irgendwann ist fast jede freie Minute besetzt. Man kommt zur Ruhe und greift sofort zum Bildschirm. Man hat etwas gesehen und prüft schon, was als Nächstes kommt. Für einen Gedanken bleibt kaum Gelegenheit, sich festzusetzen.

Vielleicht fühlen wir uns deshalb manchmal gleichzeitig überfüllt und leer.

Nicht jede Einsamkeit ist gleich. Ich kann allein sein und mich wohlfühlen. Ich kann unter Menschen sein und mich ausgeschlossen fühlen. Und ich kann vertraute Menschen um mich haben, gemeinsame Termine, einen ziemlich gut gefüllten Alltag — und trotzdem erleben, dass die Dinge, die mich innerlich bewegen, nirgends ankommen. Das ist eine andere Art des Alleinseins. Sie lässt sich durch zusätzliche Kontakte nicht unbedingt beheben.

Auch die Forderung nach Selbstgenügsamkeit hilft nur begrenzt. Natürlich sollte kein Mensch die Aufgabe bekommen, sämtliche Leerräume im Leben eines anderen auszufüllen. Aber daraus folgt nicht, dass jedes Bedürfnis nach verlässlicher Nähe ein Mangel an persönlicher Reife wäre. Wir dürfen etwas voneinander brauchen. Sonst wird Unabhängigkeit irgendwann zur höflichen Bezeichnung dafür, dass niemand mehr verpflichtet sein möchte.

Das Schwierige ist die Grenze: Wo suche ich Verbindung, und wo verlange ich, dass der andere meine Unruhe für mich reguliert? Wo schützt jemand seinen notwendigen Freiraum, und wo vermeidet er dauerhaft jede Auseinandersetzung? Solche Fragen lassen sich nicht mit einem Wort wie „bedürftig“ oder „bindungsunfähig“ entscheiden. Man muss sich das tatsächliche Verhalten ansehen. Über längere Zeit.

Öffentlichkeit zum Durchwischen

Auf dem Bildschirm liegt alles nebeneinander. Ein zerstörtes Haus, eine politische Beschimpfung, ein Urlaubsfoto, Werbung. Der Finger macht weiter. Diese Anordnung behauptet zwar nicht ausdrücklich, dass alles gleich wichtig sei. Sie behandelt es aber ähnlich: als etwas, das kurz Aufmerksamkeit bekommt und dann Platz machen muss.

Darin sehe ich ein politisches Problem. Empörung lässt sich leicht auslösen. Aufmerksamkeit über längere Zeit zu halten ist schwieriger. Eine Akte lesen, einen Widerspruch verfolgen, einem Menschen zuhören, dessen Geschichte keine schnelle Pointe hat — das passt schlecht in den Takt.

Die digitale Öffentlichkeit ist deshalb nicht einfach ein großer Raum, in dem wir endlich frei miteinander sprechen. Sie wird von Unternehmen organisiert, die mit unserer Aufmerksamkeit Geschäfte machen. Welche Wirkung das im Einzelfall hat, muss man prüfen. Den Interessenkonflikt sollte man trotzdem nicht übersehen.

Und wir sind daran beteiligt. Auch ich kann mich dabei erwischen, schon eine Antwort zu formulieren, während der andere noch spricht. Man will einen Punkt machen. Dann hat man ihn gemacht. Der Mensch gegenüber ist möglicherweise weiter weg als vorher.

Die Gesellschaft sitzt mit am Tisch

Politische Konflikte bleiben nicht vor der Wohnungstür stehen. Corona, Migration, die Ukraine, Gaza: An solchen Themen können Freundschaften und Familiengespräche schwer werden. Manchmal geht es um überprüfbare Angaben. Manchmal um die Erfahrung, nicht ernst genommen worden zu sein. Oft liegt beides übereinander.

Dann erreicht eine sachliche Korrektur den eigentlichen Streit gar nicht. Einer sagt: Diese Behauptung stimmt nicht. Der andere hört: Dein ganzes Erleben zählt nicht.

Das macht die Behauptung nicht richtiger. Es erklärt aber, weshalb Menschen an ihr festhalten können.

Eine falsche Zahl bleibt falsch, auch wenn sie für jemanden eine persönliche Bedeutung bekommen hat. Aber ich erreiche diesen Menschen kaum, wenn ich ihn behandle wie einen fehlerhaften Datensatz. Das Gespräch wäre dann vielleicht sachlich gewonnen und menschlich verloren. Ebenso wenig verdient eine gezielte Irreführung dieselbe Nachsicht wie ein ehrlicher Irrtum.

Besonders mühsam wird es, wenn politische Zugehörigkeit bereits festlegt, welche Tatsachen man anerkennen darf. Dann besitzt jedes Lager seine bevorzugten Opfer und seine bequemen Auslassungen. Das kann bei den etablierten Parteien vorkommen. Es kann ebenso in Gruppen passieren, die sich für besonders aufgeklärt halten.

Systemkritik verleiht keine Immunität gegen Gruppendenken.

Wenn eine Überzeugung eng mit dem eigenen Selbstbild verbunden ist, kann eine Korrektur wie eine persönliche Herabsetzung ankommen. Ich habe mich doch nicht nur geirrt; ich habe vielleicht öffentlich gestritten, Beziehungen belastet, Entscheidungen daran ausgerichtet. Dann kostet eine Revision mehr als einen korrigierten Satz. Man müsste sich eingestehen, dass ein Teil der eigenen Geschichte anders erzählt werden muss.

Das kann Menschen dazu verleiten, den Überbringer einer unangenehmen Information abzuwerten. Der ist dann gekauft, naiv, radikal oder nicht mehr ganz zurechnungsfähig. Eine Möglichkeit, sich die Prüfung zu ersparen. Sie steht allen Lagern zur Verfügung.

Das Gegenstück ist genauso unangenehm: Wer tatsächlich ungerecht behandelt oder pauschal abgekanzelt wurde, kann irgendwann jedes neue Gegenargument als Fortsetzung dieser Behandlung hören. Die ursprüngliche Verletzung wird dann zum Filter. Ich finde es notwendig, diese Erfahrung ernst zu nehmen. Aber ich möchte ihr keine uneingeschränkte Deutungshoheit geben. Auch ein Mensch, dem Unrecht widerfahren ist, kann sich später irren.

Ich habe erlebt, wie viel Hoffnung in gemeinsamen politischen Aktivitäten stecken kann. Endlich Menschen, mit denen man etwas bewegen möchte. Ich habe auch erlebt, wie schnell das gemeinsame Anliegen hinter der Frage verschwindet, wer den Ton angibt und welche Position noch geduldet wird. Eine Gruppe ist keine Bühne. Aber sie wird leicht dazu, wenn Anerkennung wichtiger wird als die Arbeit.

Zugehörigkeit kann entlasten. Man muss nicht mehr jeden Gedanken verteidigen, findet Worte für den eigenen Ärger, erlebt Unterstützung. Darin liegt etwas Wertvolles. Gefährlich wird es, wenn dieses Einverständnis zur Bedingung der Mitgliedschaft wird. Dann kostet ein Zweifel plötzlich Beziehungen. Wer widerspricht, riskiert nicht nur eine Debatte, sondern seinen Platz.

So kann aus gemeinsamer Kritik eine eigene kleine Ordnung entstehen, mit Sprachregeln und unausgesprochenen Tabus. Man bekämpft draußen den Konformismus und verlangt drinnen Geschlossenheit. Der Widerspruch muss nicht absichtlich organisiert sein. Er kann aus dem verständlichen Wunsch wachsen, endlich einmal Ruhe vor der ständigen Auseinandersetzung zu haben.

Gerade deshalb müsste eine belastbare Gruppe mehr leisten als das angenehme Gefühl, unter Gleichgesinnten zu sein. Sie müsste einen sachlichen Widerspruch überleben. Sonst ist ihre Stabilität nur so groß wie die Bereitschaft ihrer Mitglieder, sich zurückzuhalten.

Krieg kommt näher, auch wenn er weit weg ist

Weltpolitik begegnet uns zunächst als Nachricht. Dann verändert sie die Sprache, in der über unsere Zukunft gesprochen wird. Sicherheit, Abschreckung, Verteidigungsfähigkeit. Dahinter können reale Gefahren stehen. Doch diese Wörter beantworten noch nicht, wohin eine Politik führen soll und welche Risiken sie selbst erzeugt.

Mit den Bildern kommt etwas ins Wohnzimmer, wofür dort kein Platz vorgesehen ist. Man sieht zerstörte Häuser und verletzte Menschen, sitzt aber selbst vor dem Abendessen. Was macht man mit diesem Abstand? Helfen, soweit es möglich ist? Den nächsten Beitrag teilen? Abschalten? Manchmal weiß ich es nicht.

Wegsehen kann sich wie Gleichgültigkeit anfühlen. Ständiges Hinsehen kann einen erschöpfen, ohne dass es den Betroffenen hilft. Aus dieser Spannung gibt es keinen sauberen Ausgang. Vielleicht erklärt sie einen Teil der Gereiztheit, mit der wir über weit entfernte Kriege sprechen: Man spürt, dass etwas geschehen müsste, kann selbst aber nur wenig bewirken. Dann liegt es nahe, den Menschen neben sich für seine falsche Haltung zur Verantwortung zu ziehen. Den erreicht man wenigstens.

Auch eindeutige Feindbilder können in einer solchen Lage entlasten. Wenn klar ist, wer allein schuld ist, bekommt die eigene Ohnmacht eine Richtung. Eine Regierung kann eindeutig für einen Angriff verantwortlich sein; daran ändert psychologische Betrachtung nichts. Aber aus dieser Verantwortung folgt nicht, dass jede spätere Behauptung über den Konflikt stimmt oder jede vorgeschlagene Reaktion vernünftig ist.

Gerade dort wird es schwierig. Wer eine Strategie bezweifelt, gilt plötzlich als jemand, der das Leid nicht ernst nimmt. Zustimmung wird zum moralischen Nachweis. Das kenne ich aus kleineren Zusammenhängen. Bei Kriegspolitik sind die Folgen allerdings von einer anderen Größenordnung.

Mich beunruhigt, wie schnell die Vorbereitung auf Krieg als nüchterner Realismus erscheint, während die Arbeit am Frieden sich rechtfertigen muss. Wer diplomatische Möglichkeiten prüft, ist deshalb noch nicht naiv. Wer Waffen fordert, hat deshalb noch keinen tragfähigen Plan.

Natürlich kann man einen bewaffneten Angreifer nicht durch den eigenen guten Willen zum Einlenken verpflichten. Aber man muss erklären, wie militärische Mittel, politische Ziele und ein möglicher Ausweg zusammenpassen. Die Aussicht auf einen irgendwann eintretenden Sieg ist keine unbegrenzt belastbare Antwort.

Bei Gaza beschäftigt mich auch die Sprache, mit der ziviles Leid in den Hintergrund geschoben werden kann. Wenn von Sicherheit die Rede ist: Wessen Sicherheit wird gemeint? Wenn eine Handlung als notwendig bezeichnet wird: Welche anderen Möglichkeiten wurden geprüft? Solche Fragen sind keine Störung des moralischen Ernstes. Sie gehören dazu.

Ich will den Schutz von Menschen nicht davon abhängig machen, ob sie auf der politisch richtigen Seite geboren wurden. Die Verbrechen der Hamas rechtfertigen kein grenzenloses Vorgehen gegen Palästinenser. Umgekehrt verschwindet das Leid israelischer Opfer nicht, weil die israelische Regierung kritisiert werden muss.

Das ist der Maßstab, an dem ich festhalten möchte, auch wenn er dem eigenen Lager unbequem wird.

Für mich beginnt die Gewöhnung an Krieg dort, wo Menschen hauptsächlich noch als Bestandteile einer Seite erscheinen. Ihr konkretes Leben verschwindet hinter der Aufgabe, die ihnen in unserer Erklärung zugeteilt wurde. Dann werden auch Kinder zu zukünftigen Gegnern und Tote zu Argumenten. Dagegen anzureden ist mühsam, weil die Zugehörigkeit bereits entschieden hat, wem Mitgefühl zugestanden wird.

Und Frieden kann dabei ein merkwürdig fernes Wort werden. Alle führen es im Mund, aber jeweils erst für die Zeit nach dem eigenen Sieg. Bis dahin soll man sich gedulden. Wer diese Geduld von anderen verlangt, sollte erklären müssen, welche Aussicht er ihnen tatsächlich anbietet.

Die bequeme Sehnsucht nach dem Ende

Angesichts dieser Zustände verstehe ich den Wunsch, einmal alles abzuschalten. Ich verstehe auch die Wut auf Institutionen, die Vertrauen verlangen und Rechenschaft nur widerwillig geben.

Was ich nicht teile, ist die Freude am möglichen Zusammenbruch. Dieses Gerede, erst müsse alles richtig kaputtgehen, damit etwas Neues entstehen könne. Vom warmen Ofen aus klingt das nach großer geschichtlicher Einsicht. Für Menschen, die auf Medikamente, eine pünktliche Zahlung oder funktionierende Versorgung angewiesen sind, klingt es anders.

Wer soll das Neue aufbauen? Mit welchen Mitteln? Und weshalb sollten Menschen unter größerer Not plötzlich besser zusammenarbeiten, wenn ihnen das schon heute schwerfällt?

Ich möchte verändern, was schlecht funktioniert. Dazu muss ich auch erkennen, was Menschen trägt und deshalb erhalten werden muss. Eine Gesellschaft besteht nicht nur aus ihren Machtapparaten. Sie besteht ebenso aus Pflegekräften, Nachbarn, Werkstätten, Wasserleitungen und den Leuten, die kommen, wenn etwas kaputt ist.

Die kann man in einer schönen Untergangserzählung leicht vergessen.

In der Sehnsucht nach dem radikalen Bruch könnte auch eine Sehnsucht nach Entlastung stecken. Wenn das Ganze zusammenbricht, müsste man sich nicht mehr durch die mühsamen Einzelheiten arbeiten. Kein zäher Streit über Zuständigkeiten, keine halb brauchbare Vereinbarung, kein langsamer Aufbau. Die Geschichte würde die Arbeit übernehmen.

Nur arbeitet Geschichte nicht für uns. In einer schweren Krise können Abhängigkeiten wachsen, und der Spielraum der Schwächeren kann kleiner werden. Wer Gewalt und Versorgung kontrolliert, hat dann möglicherweise mehr Macht als vorher. Das wäre ein ziemlich schlechter Ausgangspunkt für die erhoffte Freiheit.

Ähnlich skeptisch bin ich gegenüber der Behauptung, Frieden müsse zuerst in jedem Einzelnen entstehen. Innere Arbeit kann wichtig sein. Sie kann aber keine außenpolitische Entscheidung, keinen Waffenexport und keine institutionelle Verantwortung ersetzen. Wer die gesellschaftliche Frage vollständig nach innen verlegt, entlastet am Ende diejenigen, die öffentlich handeln müssen.

Und umgekehrt: Eine richtige politische Forderung macht das eigene Verhalten nicht automatisch friedlich. Man kann gegen Krieg demonstrieren und im kleinen Kreis jeden Widerspruch niedermachen. Diese Spannung sollte sichtbar bleiben.

Woran ich weiterarbeiten will

Meine Bestandsaufnahme fällt deshalb widersprüchlich aus. Ich sehe Gründe für scharfe Kritik. Gleichzeitig möchte ich nicht, dass die Kritik mein ganzes Verhältnis zur Welt besetzt. Dann wäre selbst der schöne Morgen am Meer nur noch eine verdächtige Unterbrechung.

Ich will politisch genauer werden. Ich will wissen, wer entschieden hat, worauf die Entscheidung beruhte und wer ihre Folgen trägt. Aber ich möchte auch im eigenen Leben genauer hinsehen. Merke ich, wenn jemand erschöpft ist? Kann ich sagen, was mir fehlt, ohne den anderen gleich festzulegen? Bleibe ich neugierig, wenn seine Antwort nicht zu meiner Erklärung passt?

Das Private und das Politische sind dabei nicht dasselbe. Eine misslungene Unterhaltung ist kein Staatsversagen. Eine Regierung schuldet andere Formen der Rechenschaft als Menschen im persönlichen Umfeld. Trotzdem sehe ich eine Verbindung: In beiden Bereichen wird es schwierig, wenn die fertige Geschichte wichtiger wird als die Begegnung mit dem, was tatsächlich ist.

Vereinsamung beginnt für mich nicht erst, wenn niemand mehr da ist. Sie kann mitten unter Menschen anfangen, wenn das Wesentliche keinen Platz bekommt.

Was ist davon geblieben? Diese Frage stellt sich nach einer Reise ebenso wie nach vielen anderen Erfahrungen. Was bleibt von einem Bild, einer Auseinandersetzung, einer Begegnung, wenn schon die nächste Sache unsere Aufmerksamkeit beansprucht? Ändert sich etwas daran, wie wir leben und handeln? Oder bleibt nur die Erinnerung, dass wir uns einmal sehr aufgeregt haben?

Ich brauche keine Gesellschaft, in der jeder alles mit jedem besprechen muss. Aber ich möchte nicht hinnehmen, dass Rückzug zur einzigen vernünftigen Antwort auf Überforderung wird. Wer wenig Zeit und wenig Kraft hat, braucht umso mehr Orte, an denen er nicht auch noch um Gehör kämpfen muss. Solche Orte entstehen nicht allein durch guten Willen. Arbeit, finanzielle Unsicherheit und die Organisation unseres Alltags entscheiden mit darüber, wie viel von uns füreinander übrig bleibt.

Dabei darf die Nähe, nach der wir suchen, nicht nur denen offenstehen, die unsere Ansichten bestätigen. Sonst endet die Flucht aus der Vereinzelung in einem engeren Lager. Man wäre dann gemeinsam allein.

Am Strand war für einen Moment Ruhe. Im Wald standen die Zelte. Nach der Rückkehr ging der Alltag weiter. Ich bekomme diese Dinge nicht widerspruchsfrei zusammen, und ich möchte sie auch nicht mit einem versöhnlichen Satz zudecken.

Mich beschäftigt, wie wir uns einen notwendigen Abstand erhalten können, ohne aus der Verantwortung füreinander zu verschwinden. Denn wer sich zurückzieht, hat vielleicht endlich seine Ruhe. Nur ist damit noch nicht geklärt, wer mit dem Unerledigten zurückbleibt.

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