Der politische Zuschauer – gut informiert, folgenlos empört

Der politische Zuschauer – gut informiert, folgenlos empört

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Manchmal sitze ich vor dem Bildschirm und ertappe mich bei einem ziemlich lächerlichen Gedanken: Jetzt habe ich diesen Skandal also auch verstanden. Sehr gut. Ein weiterer sauber beschrifteter Ordner im Kopf. Draußen hat sich dadurch exakt nichts verändert.

Wir leben in einer Zeit, in der ein Mensch an einem Vormittag mehr politische Informationen aufnehmen kann als frühere Generationen in mehreren Wochen. Wir kennen die Namen von Generälen, die Reichweiten von Raketen, die Nebeneinkünfte von Abgeordneten und die neuesten Wendungen in irgendeinem Untersuchungsausschuss. Wir sehen Videos aus Kriegsgebieten, lesen geleakte Dokumente und verfolgen Debatten, die vor wenigen Stunden auf einem anderen Kontinent begonnen haben.

Das fühlt sich nach Beteiligung an.

Ist es aber meistens nicht.

Information ist zunächst nur Information. Sie kann eine Voraussetzung für vernünftiges Handeln sein. Sie kann aber genauso gut zu einer Ersatzhandlung werden. Man liest, teilt, kommentiert und empört sich – und darf sich am Abend einreden, politisch tätig gewesen zu sein.

Die Plattformen unterstützen diese Täuschung. Für sie ist der ideale Bürger kein handelnder Bürger, sondern ein dauererregter Nutzer. Er soll reagieren, nicht organisieren. Er soll den nächsten Aufreger anklicken, nicht den Nachbarn ansprechen. Er soll seine Wut in ein Eingabefeld schreiben, wo sie gemessen, sortiert und anschließend mit Werbung versehen werden kann.

So entsteht eine merkwürdige Figur: der bestens informierte politische Zuschauer.

Er weiß, dass vieles schiefläuft. Er kann es detailliert erklären. Er kennt die Schuldigen, die Profiteure und die historischen Parallelen. Nur im eigenen Ort ist er unsichtbar. Keine Anfrage, kein Leserbrief, kein Gesprächsabend, kein Infostand. Nicht einmal ein Zettel am schwarzen Brett.

Natürlich kann niemand jede Erkenntnis sofort in eine Aktion verwandeln. Menschen haben Arbeit, Familie, Krankheiten, Geldsorgen und gelegentlich auch einfach das Recht, müde zu sein. Die Aufforderung zum Handeln darf nicht zur moralischen Keule gegen jene werden, die gerade kaum ihren Alltag bewältigen.

Aber diese Erklärung gilt nicht für alle. Und sie gilt nicht immer.

Oft liegt es nicht am fehlenden Können. Es liegt an der Gewohnheit, Politik als etwas zu betrachten, das andere veranstalten. Regierungen regieren, Medien berichten, Aktivisten demonstrieren – und wir bewerten anschließend die Darbietung. Wie beim Fußball, nur mit schlechterer Laune.

Demokratie war allerdings nie als Zuschauersport gedacht.

Wer politische Entscheidungen kritisiert, muss nicht sofort eine Partei gründen. Es reicht, wieder einen Nahbereich politischer Wirksamkeit zu entdecken. Eine präzise Frage an die Kreisverwaltung. Ein Gespräch mit fünf Menschen, die sich sonst nie begegnet wären. Eine öffentliche Aktion, die nicht bloß die bereits Überzeugten bespielt. Eine lokale Recherche, bei der Behauptungen geprüft und Verantwortlichkeiten benannt werden.

Das klingt kleiner als die Weltpolitik. Ist es auch. Aber klein ist nicht dasselbe wie bedeutungslos.

Große politische Apparate leben davon, dass sich der Einzelne für zu klein hält. Aus diesem Gefühl entsteht Passivität, aus Passivität Gewöhnung und aus Gewöhnung schließlich Zustimmung durch Unterlassung.

Vielleicht sollten wir deshalb unsere politische Tätigkeit einmal nüchtern bilanzieren. Nicht: Wie viele Beiträge habe ich gelesen? Nicht: Wie oft hatte ich recht? Nicht: Wie empört war ich?

Sondern: Mit wem habe ich gesprochen? Was habe ich überprüft? Was habe ich organisiert? Wo bin ich sichtbar geworden? Welche kleine Struktur besteht auch nächste Woche noch?

Die Antworten können ernüchternd sein. Das ist kein Grund zur Resignation. Es ist ein Anfang.

Denn der Schritt vom Zuschauer zum Beteiligten beginnt nicht mit Heldentum. Er beginnt mit einer unspektakulären Entscheidung:

Heute bleibt es nicht beim Kommentar.

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