Frieden ohne Stammesfarben

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Über Frieden lässt sich leicht sprechen, solange nur die Verbrechen der anderen gemeint sind.

Dann ist alles angenehm sortiert. Hier die Guten, dort die Bösen. Hier Notwehr, dort Aggression. Hier bedauerliche Fehler, dort der Beweis einer grundsätzlich verbrecherischen Natur. Jede Seite besitzt ihre Landkarte, ihre Opfer und ihre blinden Flecken.

Das Problem ist nur: Frieden entsteht nicht aus moralisch hübsch eingerichteten Schützengräben.

Wer glaubwürdig gegen Krieg eintreten will, muss Maßstäbe anwenden, die auch dann gelten, wenn sie dem eigenen Lager wehtun. Völkerrecht darf kein Werkzeug sein, das man gegen Gegner hervorholt und bei Verbündeten in der Schublade lässt. Zivile Opfer werden nicht weniger tot, weil die Bombe von einem sogenannten Wertepartner stammt. Propaganda bleibt Propaganda, selbst wenn sie die richtige Fahne im Hintergrund zeigt.

Gerade die Friedensbewegung müsste das wissen. Ihre Aufgabe ist nicht, die Öffentlichkeitsarbeit einer Regierung durch die Öffentlichkeitsarbeit der gegnerischen Regierung zu ersetzen. Sie sollte dort widersprechen, wo Menschen auf Feindbilder reduziert, Verhandlungen lächerlich gemacht und militärische Eskalationen als Sachzwang verkauft werden.

Das verlangt mehr als Parolen.

Es verlangt die Bereitschaft, Unsicherheit auszuhalten. In Kriegen sind frühe Meldungen oft unvollständig, interessengeleitet oder schlicht falsch. Bilder können echt sein und trotzdem einen falschen Zusammenhang erhalten. Offizielle Dementis können lügen; oppositionelle Kanäle ebenso. Wer jede Meldung sofort teilt, weil sie ins eigene Weltbild passt, betreibt keine Aufklärung. Er hilft nur einer anderen Propagandamaschine.

Sorgfalt ist deshalb kein Zeichen von Feigheit. Der Satz „Das ist bislang nicht belegt“ ist keine Kapitulation vor dem Mainstream. Er ist eine Form intellektueller Selbstverteidigung.

Frieden braucht außerdem die Fähigkeit, zwischen Bevölkerung und Regierung zu unterscheiden. Russen sind nicht Putin. Ukrainer sind nicht Selenskyj. Israelis sind nicht Netanjahu. Palästinenser sind nicht Hamas. Amerikaner sind nicht das Pentagon. Deutsche sind nicht ihre Bundesregierung.

Wer ganze Völker moralisch entsorgt, bereitet sprachlich genau das vor, was er angeblich verhindern will: Entmenschlichung.

Natürlich bedeutet Differenzierung nicht, alles gleichzusetzen. Es gibt Angreifer und Angegriffene, Machtunterschiede, Besatzung, Terror, Kriegsverbrechen und konkrete politische Verantwortung. Diese Dinge müssen benannt werden. Aber sie müssen belegt und nach einem einheitlichen Maßstab bewertet werden.

Vielleicht ist das die unbequemste Aufgabe einer ernsthaften Friedensbewegung: nicht zuerst den Gegner zu kritisieren, sondern die eigenen Reflexe.

Jubeln wir innerlich, wenn die „richtige“ Seite einen militärischen Treffer meldet? Verharmlosen wir Tote, sobald sie politisch nicht in unsere Erzählung passen? Teilen wir zweifelhafte Nachrichten, weil ihre Korrektur unserem Anliegen schaden könnte? Reden wir noch mit Menschen – oder nur noch über Lager?

Eine Friedensbewegung, die auf diese Fragen keine ehrliche Antwort sucht, wird selbst zum Teil jener Kriegslogik, die sie bekämpfen möchte.

Frieden beginnt nicht mit Harmonie. Er beginnt mit einem Maßstab, der auch dann gilt, wenn es unangenehm wird.

Alles andere ist Stammespolitik mit Taube auf dem Plakat.

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