Über stillen Widerstand, Bequemlichkeit, Gruppendynamik – und den eigenen Anteil am Scheitern
Vor einiger Zeit habe ich einen ziemlich harten Text über den sogenannten Widerstand geschrieben. Der Grundgedanke war einfach: Viele Menschen wissen sehr genau, was politisch, gesellschaftlich oder wirtschaftlich falsch läuft. Sie lesen, analysieren, diskutieren, teilen Beiträge, warnen andere – und trotzdem verändert dieses Wissen erstaunlich wenig an ihrem eigenen Verhalten. Damals habe ich daraus eine ziemlich scharfe Schlussfolgerung gezogen. Zu scharf, wie ich heute sagen würde. Nicht falsch. Aber unvollständig. Ich hatte damals vor allem die Bequemlichkeit im Blick. Heute sehe ich deutlicher, dass das eigentliche Problem komplizierter ist. Menschen wollen durchaus etwas tun. Sie wollen Veränderung. Sie wollen sich einbringen. Sie wollen Teil einer Gruppe sein, die nicht nur redet. Aber häufig wollen sie das nur unter Bedingungen, die mit ihrem bisherigen Leben, ihrem Selbstbild, ihren Vorlieben und ihren persönlichen Grenzen einigermaßen harmonieren. Und genau dort beginnt das Problem. Denn eine belastbare politische oder gesellschaftliche Struktur entsteht nicht aus Zustimmung. Sie entsteht aus Frustrationstoleranz. Aus Verbindlichkeit. Aus Konfliktfähigkeit. Aus der Fähigkeit, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die man sich privat vielleicht nicht ausgesucht hätte. Aus der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, auch wenn es gerade nicht passt. Und, besonders unangenehm: aus der Bereitschaft, nicht immer recht zu bekommen.
Diese Erkenntnis verdanke ich nicht irgendwelchen politikwissenschaftlichen Lehrbüchern. Ich verdanke sie Menschen. Nennen wir einen von ihnen Martin. Martin würde sagen, Widerstand müsse nicht auf der Straße stattfinden. Menschen könnten auch im Alltag Widerstand leisten. Durch ihr Verhalten. Durch Gespräche. Durch Verweigerung. Durch Vorleben. Im Stillen. Ich halte diesen Gedanken zunächst für richtig. Natürlich muss niemand auf einer Mahnwache stehen, Flugblätter verteilen oder Veranstaltungen organisieren, um eine Haltung zu haben oder gesellschaftlich wirksam zu sein. Ein Lehrer, der sich einem absurden Konformitätsdruck widersetzt, kann Widerstand leisten. Ein Arbeitnehmer, der eine fragwürdige Anweisung nicht einfach schluckt, ebenso. Ein Nachbar, der in seinem Umfeld widerspricht, obwohl er damit aneckt, möglicherweise auch. Widerstand braucht kein Megafon. Aber er braucht eine Konsequenz. Und genau da wird der Begriff „stiller Widerstand“ problematisch. Denn er lässt sich hervorragend benutzen, um gar nichts überprüfen zu müssen. Wer behauptet, er wirke „im Stillen“, muss keine sichtbare Wirkung vorweisen. Er muss keine Struktur aufbauen. Er muss keine Verantwortung übernehmen. Er muss keine Konflikte austragen. Er muss niemandem erklären, warum aus jahrelanger Erkenntnis so wenig konkrete Veränderung entstanden ist. Der stille Widerstand ist deshalb eine seltsame politische Kategorie. Er kann real sein. Oder eine wunderbar elegante Ausrede. Von außen ist beides manchmal kaum zu unterscheiden.
Eine zweite Person, nennen wir sie Anna, argumentiert ähnlich. Sie sieht viele Dinge kritisch. Sie erkennt Widersprüche. Sie misstraut politischen Erzählungen. Sie kann sehr präzise benennen, was alles falsch läuft. Aber daraus entsteht kaum Handlung. Und lange habe ich Menschen wie Anna innerlich ziemlich hart beurteilt. Ich dachte: Ihr wisst doch, was passiert. Ihr seht doch, wohin sich Dinge entwickeln. Warum tut ihr nichts? Heute würde ich die Frage anders stellen. Nicht: Warum tun Menschen nichts? Sondern: Warum gelingt es Menschen so selten, aus Überzeugungen dauerhaftes Handeln zu machen? Das ist psychologisch wesentlich interessanter. Denn zwischen Wissen und Handeln liegt eine ganze Landschaft. Und dort wohnen Bequemlichkeit, Angst, soziale Bindungen, Gewohnheiten, Selbstbild, Konfliktvermeidung, Kontrollbedürfnis und eine ziemlich erstaunliche Fähigkeit zur Selbstrechtfertigung. Der Mensch ist darin ausgesprochen kreativ. Er sagt selten: „Ich habe keine Lust.“ Er sagt: „Das bringt doch sowieso nichts.“ Er sagt selten: „Ich möchte keinen Konflikt.“ Er sagt: „Man muss strategisch denken.“ Er sagt selten: „Ich will meine Komfortzone nicht verlassen.“ Er sagt: „Ich wirke lieber auf meine Weise.“ Manchmal stimmt das sogar. Und manchmal ist es nur die sprachlich hübschere Version von Rückzug. Das Schwierige daran: Wir bemerken diese Selbsttäuschung bei anderen leichter als bei uns selbst.
Auch ich bin davon nicht ausgenommen. Das gehört zur unangenehmen Hälfte dieser Geschichte. Ich habe Aktionen organisiert. Ich habe Veranstaltungen vorbereitet. Ich habe versucht, Menschen zusammenzubringen. Ich habe Zeit investiert. Ich habe mir Ärger eingehandelt. Und irgendwann bin ich selbst ausgestiegen. Zumindest vorläufig. Damit könnte man mir heute genau dieselbe Frage stellen, die ich anderen gestellt habe: Was ist mit deinem eigenen Durchhaltevermögen? War dein Rückzug nicht ebenfalls Bequemlichkeit? Vielleicht sogar Feigheit? Oder verletzte Eitelkeit? Wer das fragt, hätte nicht automatisch unrecht. Denn natürlich kann jeder Mensch seinen eigenen Rückzug im Nachhinein schönreden. Bei anderen nennen wir es Aufgeben. Bei uns selbst nennen wir es Konsequenz. Bei anderen nennen wir es Empfindlichkeit. Bei uns selbst nennen wir es Grenzziehung. Bei anderen nennen wir es mangelnde Loyalität. Bei uns selbst nennen wir es Selbstachtung. Das menschliche Gehirn ist in solchen Angelegenheiten ein erstaunlich guter Pressesprecher. Es findet fast immer eine Formulierung, in der wir selbst vernünftig aussehen. Deshalb halte ich es inzwischen für wichtig, auch den eigenen Anteil zu betrachten.
Ich bin nicht aus politischen Aktivitäten ausgestiegen, weil ich plötzlich nichts mehr verändern wollte. Ich bin ausgestiegen, weil ich erlebt habe, wie schwierig Gruppen werden, sobald aus gemeinsamer Empörung konkrete Zusammenarbeit werden soll. Das ist ein entscheidender Unterschied. Solange Menschen nur über Missstände sprechen, kann eine Gruppe erstaunlich harmonisch sein. Alle sind gegen dasselbe. Alle erkennen dieselben Probleme. Alle regen sich über dieselben Politiker, Medien oder Institutionen auf. Das verbindet. Aber diese Einheit ist teilweise eine Illusion. Sie wird erst überprüft, wenn aus dem gemeinsamen Dagegen ein gemeinsames Dafür werden soll. Dann beginnen die eigentlichen Konflikte. Wo treffen wir uns? Wann? Wie oft? Wer meldet die Veranstaltung an? Wer macht das Plakat? Wer bezahlt etwas? Wer spricht? Welche Themen gehören dazu? Welche nicht? Wer entscheidet? Wie reagieren wir auf Kritik? Was machen wir, wenn einer ständig zu spät kommt? Was machen wir, wenn jemand jede Entscheidung wieder aufmachen möchte? Was machen wir, wenn persönliche Antipathien entstehen? Was machen wir, wenn jemand zuverlässig arbeitet, aber menschlich anstrengend ist? Was machen wir, wenn jemand sympathisch ist, aber nie Verantwortung übernimmt? Spätestens dann zeigt sich: Eine gemeinsame politische Meinung macht noch keine funktionierende Gruppe.
Das wird im sogenannten Widerstand bis heute massiv unterschätzt. Man glaubt häufig, die gemeinsame Erkenntnis müsse automatisch zu gemeinsamer Handlungsfähigkeit führen. Tut sie nicht. Menschen können sich politisch in neunzig Prozent aller Fragen einig sein und trotzdem organisatorisch vollkommen inkompatibel. Der eine will entscheiden. Der andere will diskutieren. Der nächste will spontan bleiben. Ein anderer möchte Regeln. Einer sucht Gemeinschaft. Ein anderer vor allem Bestätigung. Einer will Wirkung nach außen. Ein anderer möchte lieber einen geschützten Kreis Gleichgesinnter. Und irgendwann reden alle vom selben Ziel, während jeder innerlich etwas anderes darunter versteht. Das produziert Konflikte, die dann gern politisch etikettiert werden. Plötzlich heißt es: „Du bist nicht konsequent genug.“ „Du bist zu radikal.“ „Du bestimmst zu viel.“ „Du machst zu wenig.“ „Du willst dich nur profilieren.“ „Du verstehst die Sache nicht.“ Dabei steckt dahinter häufig etwas viel Banaleres: unterschiedliche Persönlichkeiten, unterschiedliche Erwartungen, unterschiedliche Bedürfnisse nach Kontrolle, unterschiedliche Belastbarkeit, unterschiedliche Vorstellungen von Nähe und Distanz. Das klingt weniger heroisch als „politische Differenzen“. Ist aber oft ehrlicher.
Ein weiteres Problem kommt hinzu. Viele Menschen treten in oppositionelle Gruppen nicht nur mit politischen Hoffnungen ein. Sie bringen biografische Erfahrungen mit. Enttäuschungen. Misstrauen. Verletzungen. Manche haben schlechte Erfahrungen mit Institutionen gemacht. Manche mit Parteien. Manche mit Freundeskreisen. Manche mit Beziehungen. Und all das verschwindet nicht, nur weil plötzlich fünf Menschen um einen Tisch sitzen und über Frieden, Freiheit oder Demokratie reden. Es sitzt mit am Tisch. Der Kontrollierende kontrolliert auch dort. Der Konfliktvermeider vermeidet auch dort. Der Anerkennungssuchende sucht auch dort Anerkennung. Der Misstrauische entdeckt auch dort irgendwann Verrat. Derjenige, der sich leicht übergangen fühlt, wird irgendwann auch dort das Gefühl haben, übergangen worden zu sein. Politische Gruppen sind keine Gegenwelt zur normalen menschlichen Psychologie. Sie sind oft deren Verstärker. Weil die Beteiligten glauben, für etwas Wichtiges zu kämpfen. Dadurch bekommt jeder Konflikt zusätzlich moralisches Gewicht. Ein Streit über einen Termin ist plötzlich kein Streit über einen Termin mehr. Er wird zum Beweis mangelnder Wertschätzung. Eine Diskussion über ein Transparent wird zur Grundsatzfrage. Eine persönliche Antipathie wird politisch begründet. Und ein ganz gewöhnlicher Machtkonflikt erscheint plötzlich als Kampf um die richtige Linie. Das macht Gruppen so anstrengend. Und manchmal auch lächerlich. Nach außen spricht man über geopolitische Machtblöcke, Krieg und Frieden, Demokratie und gesellschaftliche Transformation. Innen zerlegt man sich wegen einer WhatsApp-Nachricht. Auch das gehört zur Wahrheit.
Noch wichtiger ist aber etwas anderes. Viele Gruppen haben keinerlei brauchbare Mechanismen für Konflikte. Sie haben vielleicht eine Telegram-Gruppe. Einen Namen. Ein Logo. Einen Verteiler. Aber keine Struktur. Keine klare Aufgabenverteilung. Keine Entscheidungsregeln. Keine Zuständigkeiten. Keine Vorstellung davon, wie mit Streit umgegangen wird. Keine Regeln für Kommunikation. Keine echte Kultur der Verbindlichkeit. Stattdessen hofft man auf guten Willen. Das funktioniert eine Weile. Bis der gute Wille erschöpft ist. Dann wird es persönlich. Und anschließend heißt es: „Die Gruppe ist gescheitert.“ Dabei ist möglicherweise nicht die politische Idee gescheitert. Gescheitert ist ein sozialer Organismus, der nie richtig gebaut wurde.
Das ist für mich eine wichtige Korrektur meines früheren Textes. Damals habe ich den Schwerpunkt stark auf individuelle Bequemlichkeit gelegt. Heute würde ich stärker zwischen drei Ebenen unterscheiden. Da ist zunächst tatsächlich die persönliche Ebene. Menschen reden oft mehr, als sie handeln. Sie überschätzen ihre eigene Bereitschaft, Zeit, Energie oder Risiko zu investieren. Das bleibt wahr. Dann gibt es aber eine zweite Ebene: die gruppenpsychologische. Menschen möchten dazugehören, aber gleichzeitig autonom bleiben. Sie wollen Gemeinschaft, aber keine Zumutung. Sie wollen Mitbestimmung, aber nicht jede Verantwortung. Sie wollen Verbindlichkeit von den anderen, aber Flexibilität für sich selbst. Diese widersprüchlichen Wünsche sind menschlich. Aber sie machen Organisation schwierig. Und dann gibt es noch eine dritte Ebene: die strukturelle. Wenn eine Bewegung nur funktioniert, solange drei besonders engagierte Menschen alles tragen, dann liegt das Problem nicht allein bei den fünfzig anderen. Dann hat auch die Organisation versagt.
Eine gute Struktur müsste Menschen ermöglichen, in unterschiedlichen Graden mitzuwirken. Der eine organisiert. Der andere verteilt. Der nächste recherchiert. Einer baut Technik auf. Eine kümmert sich um Texte. Ein anderer kommt nur einmal im Monat. Nicht jeder muss dieselbe Leistung bringen. Aber jeder sollte wissen, worauf Verlass ist. Genau das fehlt häufig. Statt einer abgestuften Beteiligung entstehen diffuse Erwartungen. Wer viel macht, fühlt sich irgendwann ausgenutzt. Wer wenig macht, fühlt sich schnell unter Druck gesetzt. Und beide halten den jeweils anderen für das Problem. Das Ergebnis ist vorhersehbar. Die Engagierten brennen aus. Die weniger Engagierten ziehen sich zurück. Und anschließend erklären beide Seiten, die anderen seien schuld gewesen.
Vielleicht ist das der eigentliche Kern. Nicht dass Menschen grundsätzlich nichts tun wollen. Sondern dass viele etwas tun wollen, solange die Bedingungen einigermaßen ihren Vorstellungen entsprechen. Sie wollen Zeit investieren. Aber bitte nicht jeden Samstag. Sie wollen Verantwortung. Aber nicht unbedingt Haftung für Entscheidungen. Sie wollen Gemeinschaft. Aber keine Menschen, die sie nerven. Sie wollen Veränderung. Aber möglichst ohne dauerhafte Veränderung des eigenen Alltags. Und wieder: Ich nehme mich davon nicht aus. Auch ich habe Grenzen. Auch ich habe Erwartungen. Auch ich kann ungeduldig sein. Auch ich finde manche Menschen anstrengend. Auch ich habe Vorstellungen davon, wie Dinge organisiert werden sollten. Und irgendwann habe ich gesagt: Unter diesen Bedingungen mache ich nicht weiter. Das darf man kritisieren. Vielleicht muss man es sogar kritisch prüfen. Nur würde ich heute eben nicht mehr so tun, als wäre mein Rückzug automatisch edler als der Rückzug anderer. Der Unterschied liegt für mich an einer anderen Stelle. Ich habe ausprobiert. Ich habe investiert. Ich habe Fehler gemacht. Ich habe Konflikte erlebt. Und ich habe daraus gelernt. Das macht mich nicht besser. Aber es verändert meinen Blick.
Vor allem auf große Wörter. „Widerstand“ ist so ein Wort. Es klingt gewaltig. Historisch. Moralisch. Fast schon romantisch. Wer sich selbst dem „Widerstand“ zurechnet, steht im eigenen Kopf automatisch auf der richtigen Seite der Geschichte. Das ist gefährlich. Denn das Wort produziert Selbstaufwertung. Man ist dann nicht einfach ein politisch unzufriedener Bürger. Man ist Widerstand. Und schon klingt der eigene Facebook-Post ein bisschen wie Flugblattdruck in der Illegalität. Vielleicht sollten wir mit diesem Begriff vorsichtiger umgehen. Nicht um Engagement kleinzureden. Im Gegenteil. Sondern um es ernst zu nehmen. Widerstand müsste sich an Konsequenzen messen lassen. Nicht unbedingt an Größe. Nicht jeder muss tausend Menschen mobilisieren. Aber irgendeine Form von Reibung müsste entstehen. Irgendetwas müsste anders werden. Eine Beziehung. Ein Gespräch. Eine Entscheidung. Eine Struktur. Ein Verhalten. Ein Risiko. Eine öffentliche Position. Sonst bleibt das Wort zu groß für die Handlung. Und das gilt auch für das berühmte „Vorleben“. Vorleben kann stark sein. Aber nur, wenn jemand überhaupt etwas vorlebt, das andere wahrnehmen können. Ein unsichtbares Beispiel ist sozial ungefähr so wirksam wie ein unsichtbares Plakat. Vielleicht liegt genau darin der Unterschied zwischen Haltung und Wirkung. Haltung ist zunächst privat. Wirkung beginnt dort, wo etwas davon die eigene Person verlässt. Das muss nicht laut sein. Aber es muss real sein.
Und so komme ich heute zu einer anderen Einschätzung als in meinem älteren Text. Ich würde nicht mehr schreiben: Der Widerstand ist an der Bequemlichkeit seiner Leute gescheitert. Das ist zu einfach. Ich würde schreiben: Viele oppositionelle Bewegungen scheitern daran, dass sie politische Übereinstimmung mit sozialer und organisatorischer Handlungsfähigkeit verwechseln. Sie haben Informationen. Aber keine belastbaren Strukturen. Sie haben Meinung. Aber keine Rollen. Sie haben Empörung. Aber keine Konfliktkultur. Sie haben engagierte Einzelne. Aber keine Systeme, die Engagement über einzelne Personen hinaus tragen. Sie haben Gemeinschaftsgefühl. Aber kaum Mechanismen, die Gemeinschaft aushalten lassen, wenn es schwierig wird. Und sie haben ein Menschenbild, das immer noch zu idealistisch ist.
Der Mensch wird nicht zuverlässig, nur weil er die richtige politische Analyse teilt. Er wird nicht konfliktfähig, weil er Regierungskritiker ist. Er wird nicht uneitel, weil er Frieden fordert. Er wird nicht weniger machtbewusst, weil er Machtstrukturen kritisiert. Und er wird nicht automatisch selbstkritisch, nur weil er anderen Manipulation vorwirft. Vielleicht müsste wirkliche politische Arbeit deshalb viel unspektakulärer anfangen. Nicht bei der nächsten großen Analyse. Nicht beim nächsten empörenden Video. Nicht beim nächsten Feindbild. Sondern bei Fragen wie: Kannst du zuverlässig sein? Kannst du eine Aufgabe übernehmen? Kannst du Kritik aushalten? Kannst du dich entschuldigen? Kannst du eine Entscheidung akzeptieren, die nicht deine war? Kannst du mit jemandem zusammenarbeiten, den du nicht besonders magst? Kannst du bleiben, wenn die Euphorie vorbei ist? Kannst du gehen, ohne alles niederzubrennen? Und kannst du deinen eigenen Anteil erkennen, wenn etwas scheitert?
Das klingt ziemlich klein. Fast unpolitisch. Aber möglicherweise entscheidet sich genau dort, ob aus zehn klugen Menschen eine funktionierende Gruppe wird. Oder nur ein weiterer Chat. Mit sehr guten Analysen. Sehr richtigen Meinungen. Und irgendwann sehr persönlichen Abschiedsnachrichten. Vielleicht ist das die Erkenntnis, die mir damals noch gefehlt hat: Das größte Problem des Widerstands ist nicht, dass niemand etwas tun will. Viele wollen etwas tun. Das Problem beginnt dort, wo Menschen gemeinsam etwas tun müssen. Denn dann reicht Überzeugung nicht mehr. Dann braucht es Charakter. Struktur. Geduld. Selbstkritik. Und die Fähigkeit, die eigenen Befindlichkeiten nicht ständig für politische Grundsatzfragen zu halten. Das ist deutlich schwieriger als Widerstand im Kopf.



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