Ich komme aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus.
Überall brennt es. Ukraine. Gaza. Libanon. Iran. Jemen. Westjordanland. Das Rote Meer. Die Straße von Hormus. Neue Spannungen im Irak. Unsicherheit in der gesamten Golfregion. Weltweit wächst die Gefahr, dass sich regionale Konflikte zu einer großen Eskalation verbinden. Gleichzeitig stehen in Ceuta wieder Tausende Menschen vor Europas Toren. Migration bleibt ungelöst. Seit Jahren. Jeder sieht es. Jeder weiß es. Aber ernsthafte Lösungen? Fehlanzeige.
Die Corona-Jahre holen uns ebenfalls wieder ein. Neue Veröffentlichungen, neue Fragen, neue Vorwürfe. Viele Menschen haben das Vertrauen verloren. Nicht, weil sie alles glauben, was im Internet steht. Sondern weil sie erlebt haben, wie oft Kritik ausgegrenzt, Widersprüche ignoriert und Debatten beendet wurden, statt sie zu führen.
Und Deutschland?
Deutschland streitet darüber, wer noch kandidieren darf. Wer die „richtige“ Meinung hat. Welche Wörter erlaubt sind. Welche Partei gefährlicher ist als die nächste. Als wäre das unser größtes Problem. Während draußen die Weltordnung wankt. Während die Wirtschaft schwächelt. Während Kommunen kaum noch wissen, wie sie ihre Aufgaben bezahlen sollen. Während Menschen immer häufiger das Gefühl haben, dass der Staat sie nur noch verwaltet, aber nicht mehr führt.
Und wo ist eigentlich der große Widerstand? Wo sind all die mutigen Kämpfer aus den Kommentarspalten? Wo sind die Hunderttausenden, die angeblich „genug haben“? Wo sind sie? Man sieht sie nicht. Man hört sie nicht. Man liest sie. Sie schreiben. Sie posten. Sie teilen. Sie empören sich. Dann legen sie das Handy weg und machen weiter wie gestern.
Wir leben in einer Zeit der digitalen Revolutionäre. Mut bis zur Tastatur. Widerstand bis zum WLAN. Empörung im Abo. Aber kaum jemand ist bereit, den eigenen Hintern aus dem Sessel zu bewegen.
Die Wahrheit ist unbequem. Nicht „die da oben“ allein haben dieses Land in diesen Zustand gebracht. Auch wir. Unsere Bequemlichkeit. Unsere Angst, anzuecken. Unsere Gewohnheit, Verantwortung immer an andere zu delegieren. Wir warten auf den Retter. Auf die nächste Wahl. Auf den nächsten Messias. Auf den nächsten YouTube-Kanal. Auf den nächsten Skandal. Aber Geschichte wird nicht von Zuschauern geschrieben. Sie wird von Menschen geschrieben, die handeln.
Vielleicht ist genau das unsere eigentliche Krise. Nicht Krieg. Nicht Migration. Nicht Inflation. Nicht die politische Spaltung. Sondern eine Gesellschaft, die sich an ihre eigene Ohnmacht gewöhnt hat. Eine Gesellschaft, die jeden Tag über Freiheit redet, aber kaum noch bereit ist, den Preis für bürgerschaftliches Engagement zu bezahlen. Und deshalb verändert sich auch nichts. Nicht weil niemand wüsste, was schiefläuft. Sondern weil viel zu viele glauben, dass irgendjemand anders es richten wird.
Vielleicht ist genau das der größte Irrtum unserer Zeit. Viele warten auf den großen Knall. Als müsste erst alles zusammenbrechen, bevor man handelt.
Doch genau dieses Warten sorgt dafür, dass es immer schlimmer wird.



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