An den Möchtegern-Widerstand

An den Möchtegern-Widerstand

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Wir sind nicht der Widerstand.

Wir sind oft nur seine Simulation.

Wir haben uns über Jahre eine Identität aufgebaut, die uns das Gefühl gibt, mutig zu sein, ohne jemals den Preis des Mutes bezahlen zu müssen. Wir sind nicht aufgewacht. Wir haben uns lediglich in einer anderen Traumwelt eingerichtet. Früher haben wir den Fernseher eingeschaltet. Heute schalten wir Telegram ein. Der Mechanismus ist derselbe. Damals haben wir konsumiert. Heute konsumieren wir andere Inhalte. Wir nennen das Erkenntnis. Vielleicht ist es längst eine Sucht.

Wir sind süchtig nach dem nächsten Skandal, der nächsten Enthüllung, dem nächsten Interview, der nächsten Analyse und der nächsten Bestätigung, dass wir schon immer recht hatten. Wir jagen Erkenntnis wie andere Menschen Dopamin. Denn jede neue Information gibt uns für einen kurzen Moment das Gefühl, den Mächtigen einen Schritt voraus zu sein. Und genau darin liegt unsere Falle.

Unser Gehirn hat längst gelernt, Informationskonsum mit Handlung zu verwechseln. Jeder geteilte Beitrag beruhigt unser Gewissen. Jeder Kommentar gibt uns das Gefühl, Haltung gezeigt zu haben. Jedes Video ersetzt eine Tat. Jede Diskussion ersetzt Verantwortung. Wir haben aus Widerstand ein Hobby gemacht. Aus Empörung Unterhaltung. Aus Analyse eine Identität.

Vielleicht brauchen wir die Krise inzwischen genauso, wie der Alkoholiker seinen Schnaps braucht. Nicht, weil wir sie lösen wollen. Sondern weil wir ohne sie nicht mehr wüssten, wer wir eigentlich sind. Deshalb ändert sich auch nichts. Denn wer seine Identität aus Opposition gebaut hat, hat unbewusst ein Interesse daran, dass die Opposition niemals endet.

Wir reden ununterbrochen über Freiheit. Aber wir sind unfrei. Gefangen im endlosen Kreislauf aus Lesen, Teilen, Kommentieren, Empören, wieder Lesen, wieder Teilen, wieder Kommentieren. Tag für Tag. Jahr für Jahr. Und wir nennen das Widerstand.

Nein.

Das ist politische Ersatzbefriedigung.

Wir produzieren das berauschende Gefühl von Engagement, ohne jemals den schmerzhaften Teil erleben zu müssen: Verbindlichkeit. Denn Verbindlichkeit trennt die Spreu vom Weizen. Sie verlangt, dass man erscheint, wenn andere ausschlafen. Dass man bleibt, wenn andere absagen. Dass man Verantwortung übernimmt, wenn niemand klatscht. Dass man weitermacht, wenn keine Kamera läuft.

Genau dort verschwinden wir.

Dann wird plötzlich alles wichtiger. Der Urlaub. Die Familie. Der Garten. Der Geburtstag. Das Konzert. Das Wetter. Der Hund. Die Arbeit.

Die Ausrede findet uns schneller als jede Überzeugung.

Und danach schreiben wir wieder einen wütenden Kommentar darüber, warum niemand etwas tut.

Begreifen wir den Irrsinn?

Wir sind nicht in erster Linie Opfer unserer Gegner.

Wir sind Opfer unserer eigenen Selbsttäuschung.

Wir haben uns jahrelang eingeredet, Widerstand zu sein, obwohl wir in Wahrheit oft nur Zuschauer unserer eigenen Erkenntnisse geworden sind. Das System muss uns gar nicht mehr bekämpfen. Es reicht völlig aus, uns mit immer neuen Informationen zu beschäftigen. Wir halten uns selbst beschäftigt. Wir lähmen uns selbst. Wir neutralisieren uns selbst.

Das ist vielleicht der größte Triumph jeder Macht.

Nicht Menschen zum Schweigen zu bringen.

Sondern sie so zu beschäftigen, dass sie glauben, ihr Schweigen sei bereits Handlung.

Deshalb interessiert mich heute nicht mehr, was wir wissen.

Mich interessiert nur noch eine einzige Frage:

Welche Spur hat unser Wissen außerhalb unseres Smartphones hinterlassen?

Wenn die Antwort Schweigen ist …

… dann waren wir nie Widerstand.

Dann waren wir Publikum.

Kommentar dazu:

Nochmal in eigener Sache, nachgelegt:

Nachdem man mich als „Sabbelhotte“ bezeichnet hat, muss ich offenbar noch einmal nachlegen. Nicht, weil mich das kränkt. Dafür müsste der Begriff mehr Substanz haben als ein nasser Bierdeckel nach einer Vereinsheimdebatte. Nicht für die Beleidigung. Die ist eher aus der Abteilung Pausenhof, dritte Klasse, nasser Turnbeutel. Sondern für die Bestätigung. Sondern weil er wunderbar zeigt, worum es geht.

Sobald Kritik unbequem wird, beginnt die Flucht in die Personalisierung. Dann geht es nicht mehr um die Frage, ob der Inhalt stimmt. Dann geht es um Ton, Stil, Länge, Ego, Motive oder irgendein hübsch hingeworfenes Etikett. Das ist psychologisch bequem. Wer den Kritiker verkleinert, muss sich der Kritik nicht stellen. Wer „Sabbelhotte“ ruft, muss nicht beantworten, warum aus jahrelanger Erkenntnis so wenig Handlung entstanden ist.

Genau das ist der Punkt. Wir haben eine Szene voller Menschen, die jede Machtstruktur analysieren können, aber in dem Moment empfindlich werden, in dem man ihre eigene Wirkungslosigkeit anspricht. Gegen Regierung, Medien, Konzerne und Eliten wird scharf geschossen. Aber wehe, jemand hält den Spiegel in die eigene Runde. Dann ist plötzlich nicht mehr Selbstkritik gefragt, sondern Schonung. Dann soll der Text also differenzieren, streicheln, einladen, abholen und am besten noch ein Sitzkissen reichen.

Nein.

Manchmal muss man die Dinge so sagen, dass sie wehtun. Nicht, weil Schmerz ein Wert an sich wäre. Sondern weil die bequeme Sprache längst Teil des Problems geworden ist. Wir reden seit Jahren. Wir erklären seit Jahren. Wir teilen seit Jahren. Wir kommentieren seit Jahren. Und draußen steht die Wirklichkeit herum wie ein schlecht gelaunter Hausmeister und wartet darauf, dass endlich jemand mehr tut als Fensterreden zu halten.

Der Vorwurf des „Sabbelns“ ist dabei besonders komisch. Natürlich rede ich viel. Ich schreibe viel. Ich denke laut. Ich ordne ein. Ich zerlege. Ich nerve. Das ist mein Anteil. Aber der Unterschied ist: Ich frage inzwischen, was daraus folgt. Genau diese Frage macht aus Gerede entweder eine Brücke zur Handlung oder bloß Tapete für das eigene Selbstbild.

Wer nur reden will, wird von mir gestört. Wer handeln will, versteht mich.

Und vielleicht ist genau das die eigentliche Trennlinie. Nicht links oder rechts. Nicht wach oder schlafend. Nicht informiert oder uninformiert. Sondern: Bin ich bereit, aus meiner Erkenntnis Konsequenzen zu ziehen, oder verteidige ich nur meine Rolle als kritischer Zuschauer oder aufgewachter Bewusstseinsarbeiter?

Denn Zuschauer gibt es genug. Sie sitzen in Telegram-Gruppen, Kommentarspalten, Wohnzimmern, Vorträgen und Stammtischen. Sie wissen alles. Sie ahnen alles. Sie erklären alles. Und wenn man fragt, was sie konkret tun, wird es plötzlich still oder persönlich.

Dann wird aus Kritik „Spaltung“.

Aus Selbstprüfung wird „Überheblichkeit“.

Aus Konsequenz wird „Druck“.

Aus Handlungsaufforderung wird „Moral“.

Und aus demjenigen, der fragt, wird eben der „Sabbelhotte“.

Wie praktisch.

So bleibt alles beim Alten. Jeder darf sich weiter für kritisch halten. Jeder darf weiter seine Beiträge teilen. Jeder darf weiter so tun, als sei das Kreisen in der eigenen Blase bereits gesellschaftliche Wirkung. Und wenn einer stört, bekommt er einen Spitznamen. Das ist dann wahrscheinlich die letzte Verteidigungslinie einer Bewegung, die ihre eigene Bequemlichkeit nicht mehr beim Namen nennen will.

Ich nehme den Begriff also gern an.

Sabbelhotte fragt weiter.

Sabbelhotte schreibt weiter.

Sabbelhotte nervt weiter.

Aber Sabbelhotte stellt eine Frage, die offenbar unangenehmer ist als jede Regierungserklärung:

Was hat eure Erkenntnis außerhalb eures Bildschirms verändert?

Wenn darauf nur Spott kommt, ist das auch eine Antwort.

Nicht über mich. Über euch.

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