Geschichte fühlt sich selten nach Geschichte an und die Kunst des Bückens

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Wenn wir heute historische Filmaufnahmen aus Berlin der frühen 1914er oder der 1930er Jahre sehen, stellen wir oft dieselbe Frage: Wie konnten die Menschen das nicht sehen? Wie konnten sie in Cafés sitzen, Bier trinken, tanzen, singen und ihren Alltag leben, während sich das politische System bereits veränderte und die Grundlagen der Gesellschaft verschoben wurden?

Die Antwort lautet vermutlich nicht, dass sie nichts gesehen haben. Viel wahrscheinlicher ist, dass sie vieles gesehen haben, aber die Konsequenzen nicht sehen wollten. Genau an diesem Punkt berührt Ulf Poschardts Buch Bückbürgertum einen unangenehmen Nerv unserer Zeit. Seine zentrale Figur ist nicht der Fanatiker, nicht der Ideologe und nicht der Revolutionär. Es ist der Angepasste. Derjenige, der schweigt, sich arrangiert und hofft, dass alles irgendwie vorübergeht. Das klingt zunächst harmlos. Tatsächlich aber beruhen viele gesellschaftliche Fehlentwicklungen weniger auf der Aktivität einer kleinen Gruppe als auf der Passivität einer großen Mehrheit.

Die meisten historischen Umbrüche wurden nicht von Millionen Überzeugungstätern getragen. Sie wurden von Millionen Menschen begleitet, die mitliefen, schwiegen oder sich sagten, dass sie ohnehin nichts ändern könnten. Der Mensch besitzt eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Verdrängung. Solange der Alltag funktioniert, die Regale gefüllt sind, die Arbeit vorhanden ist und die eigene Lebenswelt nicht unmittelbar bedroht erscheint, entsteht das Gefühl, alles sei im Wesentlichen in Ordnung. Dieses Gefühl kann erstaunlich lange bestehen bleiben, selbst wenn die Realität längst in eine andere Richtung zeigt. Deshalb wirken historische Aufnahmen oft so verstörend. Man sieht Menschen lachen, während sich die Welt verändert. Man sieht Normalität unmittelbar vor dem Bruch. Genau das ist die eigentliche Lehre: Geschichte fühlt sich selten nach Geschichte an. Sie fühlt sich nach Alltag an. Nach Freitagabend. Nach Fußball. Nach Urlaub. Nach dem nächsten Einkauf. Nach der Hoffnung, dass die Verantwortlichen schon wissen werden, was sie tun.

Diese Hoffnung ist tief im Menschen verankert. Komplexe Gesellschaften funktionieren nur, weil Vertrauen existiert. Niemand kann jede politische Entscheidung, jede wissenschaftliche Studie oder jede wirtschaftliche Entwicklung selbst überprüfen. Deshalb delegieren Menschen Verantwortung an Institutionen, Behörden, Medien, Wissenschaftler und politische Führungen. Problematisch wird es dort, wo Vertrauen in Gehorsam übergeht. Wo nicht mehr gefragt wird: „Ist das plausibel?“, sondern nur noch: „Wer hat das gesagt?“ Die Corona-Zeit hat diesen Mechanismus sichtbar gemacht. Unabhängig davon, wie man einzelne Maßnahmen bewertet, zeigte sich eine bemerkenswerte Bereitschaft vieler Menschen, staatliche Vorgaben nicht nur zu akzeptieren, sondern moralisch zu verteidigen. Gleichzeitig entstand auf der Gegenseite oft dieselbe Dynamik gegenüber alternativen Autoritäten. Beide Lager waren überzeugt, die Wahrheit zu besitzen. Interessant war dabei weniger die Frage, wer recht hatte. Interessanter war die Beobachtung, wie schwer es vielen Menschen fiel, Unsicherheit auszuhalten.

Der Mensch sucht Orientierung, Sicherheit und Zugehörigkeit. Dafür zahlt er oft einen Preis. Manchmal ist dieser Preis die eigene Urteilsfähigkeit. Poschardt beschreibt diesen Vorgang als Bückbürgertum. Man muss seinen Begriff nicht übernehmen, um die dahinterliegende Beobachtung ernst zu nehmen. Gemeint ist eine Haltung, die Konflikte vermeidet, Anpassung belohnt und Widerspruch eher als Störung denn als notwendige Funktion einer freien Gesellschaft betrachtet. Dabei beginnt das Bücken selten bei großen Dingen. Es beginnt im Kleinen. Man sagt lieber nichts. Man widerspricht nicht. Man vermeidet Diskussionen. Man möchte keinen Ärger. Man möchte dazugehören. Man möchte nicht auffallen. Aus tausend kleinen Anpassungen entsteht irgendwann ein gesellschaftliches Klima, in dem sich immer weniger Menschen trauen, gegen den Strom zu schwimmen.

Das Gefährliche daran ist nicht die Bosheit der Menschen. Es ist ihre Bequemlichkeit. Die meisten Bürger geben ihre Überzeugungen nicht auf, weil sie überzeugt wurden. Sie geben sie auf, weil Anpassung einfacher ist. Weil Konformität sozial belohnt wird. Weil Widerspruch anstrengend ist. Weil Schweigen kurzfristig angenehmer erscheint. Genau deshalb ist Freiheit nicht nur eine politische Ordnung. Freiheit ist eine persönliche Disziplin. Sie verlangt die Bereitschaft, Unsicherheit auszuhalten. Sie verlangt die Fähigkeit, auch dann Fragen zu stellen, wenn die Mehrheit die Antworten bereits zu kennen glaubt. Sie verlangt die Bereitschaft, notfalls allein dazustehen.

Darum wirken historische Aufnahmen aus vergangenen Epochen heute nach. Die Menschen auf den Bildern waren nicht ahnungslos. Sie waren Menschen wie wir. Sie arbeiteten, liebten, stritten, feierten, hofften und verdrängten. Sie sahen manches und übersahen anderes. Vor allem aber glaubten viele, dass die Dinge schon nicht so schlimm werden würden. Vielleicht ist genau das die größte Konstante der Geschichte: Nicht Unwissenheit, sondern die Hoffnung, dass man sich irrt, obwohl man längst ahnt, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob die Menschen in den Berliner Cafés der 1930er Jahre die Zeichen hätten erkennen können. Viele haben sie erkannt. Die wichtigere Frage lautet: Warum sind so viele Menschen bereit, Erkenntnisse zu akzeptieren, aber nicht die Konsequenzen daraus? Vielleicht liegt genau dort die eigentliche Kunst des Bückens. Nicht im Nichtwissen. Sondern im Wissen ohne Folgen.

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