Mit wem soll in Deutschland eigentlich noch Wut entstehen?

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11.Juni 2026

Das ist für mich die eigentliche Frage. Nicht, ob Menschen Gründe haben, wütend zu sein. Die haben sie. Sondern ob überhaupt noch genügend Menschen übrig sind, die psychologisch in der Lage wären, aus Frustration etwas anderes zu machen als einen Kommentar, einen Post oder eine weitere Runde Selbstbeschäftigung.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass unsere Gesellschaft immer weniger aus Bürgern und immer mehr aus Einzelprojekten besteht. Jeder arbeitet an seiner Identität, seiner Selbstdarstellung, seinem Wohlbefinden, seiner persönlichen Entwicklung. Jeder optimiert sich selbst. Aber wer kümmert sich noch um das Gemeinsame? Wer übernimmt Verantwortung für Dinge, die über das eigene Leben hinausgehen? Die meisten Menschen wollen Veränderung, solange sie nichts kostet. Sie wollen Freiheit ohne Verantwortung, Frieden ohne Konflikte, Wahrheit ohne Konsequenzen und Haltung ohne Risiko. Deshalb versandet so vieles bereits, bevor es überhaupt begonnen hat.

Seit Jahren beobachte ich das nicht nur theoretisch, sondern ganz praktisch. Ich schreibe Texte, organisiere Treffen, stehe auf Marktplätzen, verteile Flugblätter und führe Gespräche. Immer wieder treffe ich Menschen, die zustimmen. Sie nicken, bedanken sich und erzählen von ihren Sorgen. Doch sobald es darum geht, selbst sichtbar zu werden, selbst einmal Verantwortung zu übernehmen oder auch nur eine Stunde öffentlich Haltung zu zeigen, wird es still. Dann kommen Arbeit, Garten, Urlaub, Müdigkeit oder die nächste private Baustelle. Nicht weil diese Menschen schlecht wären. Sondern weil sie verlernt haben, Bürger zu sein. Sie sind zu Konsumenten geworden. Auch politisch. Sie konsumieren Meinungen wie andere Fernsehserien.

Und dieselbe Entwicklung sehe ich oft in Beziehungen. Auch dort dreht sich immer mehr um Bedürfnisse, Freiräume, Selbstfürsorge und persönliche Entwicklung. Alles wichtige Dinge. Aber irgendwann kippt es. Dann wollen Menschen Nähe ohne Verpflichtung, Liebe ohne Verzicht, Partnerschaft ohne Verantwortung und Leidenschaft ohne Risiko. Sobald es schwierig wird, folgt der Rückzug. Man braucht Abstand, muss sich sortieren oder sich selbst wieder finden. Die moderne Sprache hat unzählige elegante Formulierungen für denselben Vorgang entwickelt: Man entzieht sich einer Verantwortung, die unbequem geworden ist.

Gerade Männer erleben dabei oft eine besondere Orientierungslosigkeit. Sie sollen stark sein, aber nicht zu stark. Sensibel, aber nicht schwach. Selbstbewusst, aber nicht dominant. Erfolgreich, aber nicht ehrgeizig. Die Erwartungen widersprechen sich häufig. Viele ziehen sich deshalb zurück. Nicht unbedingt aus Feigheit, sondern aus Erschöpfung. Sie investieren immer weniger. In Beziehungen, in Gemeinschaften, in Politik. Nicht weil ihnen alles egal geworden wäre, sondern weil sie zunehmend daran zweifeln, dass sich Einsatz überhaupt noch lohnt.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Krise unserer Zeit. Nicht in Migration, Inflation, Digitalisierung oder Kriegen. Das sind sichtbare Symptome. Die tiefere Krise ist der Verlust von Bindung, Gemeinschaft und gemeinsamen Zielen. Eine Gesellschaft zerfällt nicht erst dann, wenn die Wirtschaft kollabiert. Sie zerfällt, wenn immer weniger Menschen bereit sind, Verantwortung für etwas zu übernehmen, das größer ist als sie selbst.

Deshalb bin ich skeptisch, wenn von Aufständen, Widerstand oder großen Bewegungen gesprochen wird. Die meisten Menschen schaffen es heute kaum noch, sich dauerhaft auf eine Sache zu konzentrieren. Sie können stundenlang über Politik diskutieren, aber kaum noch mit einem Nachbarn sprechen, der anderer Meinung ist. Sie teilen Mut, Haltung und Widerstand in sozialen Netzwerken, aber sie leben ihn nicht. Genau deshalb bleibt so viel Wut wirkungslos. Nicht weil sie unbegründet wäre, sondern weil ihr Organisation, Disziplin und Durchhaltevermögen fehlen.

Die eigentliche Tragödie besteht für mich nicht darin, dass viele Menschen schlafen. Die eigentliche Tragödie besteht darin, dass viele längst wach sind, die Probleme erkennen und trotzdem liegen bleiben. Sie hoffen, dass andere handeln. Dass andere Verantwortung übernehmen. Dass andere die Konflikte austragen. Aber Gesellschaft funktioniert so nicht. Veränderung entsteht nicht durch Empörung. Sie entsteht durch Menschen, die bereit sind, einen Preis zu zahlen. Und genau diese Bereitschaft scheint in einer Kultur der Selbstverwirklichung, der Bequemlichkeit und der ständigen Ablenkung immer seltener zu werden. Vielleicht ist das die unbequemste Erkenntnis von allen. Nicht die Mächtigen allein sind das Problem. Sondern auch die Ohnmächtigen, die ihre eigene Kraft längst aufgegeben haben.


Statt gegen die Politik zu gehen, die das Chaos importiert hat, werden Autos und Häuser angezündet – Geschichte wiederholt sich

Belfast brennt – aber die Wut zeigt in die falsche Richtung

10. Juni 2026 um 10:24 Uhr von Alexander Wallasch (Kommentare: 2)

Während in Belfast Migrantenunterkünfte brennen und Bürger „Checkpoints“ fordern, wiederholt sich ein altes Muster: Die Verzweiflung entlädt sich nach unten statt nach oben. Aber echte Veränderung kommt nur, wenn die Wut die richtige Adresse trifft: die Verantwortlichen in der Politik.

weiterlesen: https://www.alexander-wallasch.de/gesellschaft/belfast-brennt-aber-die-wut-zeigt-in-die-falsche-richtung


Was wäre zu tun?

Die unbequeme Antwort lautet: Wahrscheinlich nicht das, worauf die meisten hoffen. Viele warten auf das große Ereignis, die große Enthüllung, die richtige Partei, den rettenden Politiker oder die eine Demonstration, die alles verändert. Doch so funktionieren Gesellschaften selten. Wirkliche Veränderungen entstehen meist dann, wenn Menschen über Jahre hinweg Strukturen aufbauen, Verantwortung übernehmen und sich zusammenschließen.

Das größte Problem unserer Zeit ist die Zuschauerrolle. Jeder kommentiert, analysiert, empört sich und bewertet. Nur wenige organisieren, gestalten oder tragen Verantwortung. Wer etwas verändern will, muss irgendwann vom Beobachter zum Akteur werden. Nicht jeder muss eine Bewegung gründen. Aber jeder kann irgendwo anfangen: im Verein, in der Nachbarschaft, in einer Bürgerinitiative oder einer lokalen Gruppe. Die Wahrheit ist: Die meisten Menschen wollen Veränderung, solange jemand anderes die Arbeit macht.

Ist es sinnvoll, dass die Leute aufhören, sich selbst für so wichtig zu halten?

Ja, ich glaube, das wäre in vielen Fällen sinnvoll. Allerdings nicht in dem Sinne, dass Menschen sich für unwichtig halten sollen. Das wäre die andere Sackgasse. Eine Gesellschaft aus Menschen, die an sich selbst zweifeln und sich nichts zutrauen, wird kaum handlungsfähiger sein. Das Problem unserer Zeit scheint eher zu sein, dass viele Menschen sich selbst gleichzeitig überschätzen und unterschätzen. Sie halten ihre Gefühle, Bedürfnisse und Befindlichkeiten für enorm wichtig, glauben aber oft nicht mehr daran, dass sie tatsächlich Verantwortung übernehmen oder etwas verändern können.

Wenn man sich viele gesellschaftliche Debatten anschaut, fällt auf, wie stark sich alles um das eigene Erleben dreht. Wie fühle ich mich? Werde ich gesehen? Bekomme ich genug Anerkennung? Entspricht das meinen Bedürfnissen? Das sind keine falschen Fragen. Aber wenn sie zum Mittelpunkt des Denkens werden, entsteht eine Kultur der Selbstbeschäftigung. Dann wird jede Herausforderung zuerst danach bewertet, ob sie angenehm ist, statt ob sie notwendig ist. Jede Verpflichtung wird daraufhin geprüft, ob sie das eigene Wohlbefinden stört. Jede Beziehung wird daran gemessen, ob sie den persönlichen Erwartungen entspricht. Und jede politische Frage wird zum Ausdruck der eigenen Identität.

Genau hier beginnt das Problem. Gemeinschaft funktioniert nur, wenn Menschen bereit sind, gelegentlich etwas zu tun, das ihnen nicht unmittelbar nutzt. Eine Beziehung hält nicht deshalb, weil beide ständig ihre Bedürfnisse maximieren, sondern weil beide bereit sind, Verantwortung füreinander zu übernehmen. Eine Bürgerinitiative entsteht nicht, weil alle Lust darauf haben, sondern weil einige Menschen ihre Zeit investieren. Eine Gesellschaft funktioniert nicht, weil jeder an sich denkt, sondern weil genügend Menschen auch an etwas denken, das größer ist als sie selbst.

Man sieht dieselbe Entwicklung in Beziehungen wie in der Politik. Viele suchen den perfekten Partner, die perfekte Gemeinschaft oder die perfekte Bewegung. Doch sobald Enttäuschungen auftreten, folgt der Rückzug. Man braucht Abstand, orientiert sich neu oder sucht etwas, das besser zu den eigenen Bedürfnissen passt. Dadurch entsteht eine Gesellschaft voller Optionen, aber mit immer weniger Verbindlichkeit. Die Menschen haben mehr Möglichkeiten als je zuvor, fühlen sich aber oft orientierungsloser als frühere Generationen.

Vielleicht liegt darin eine der großen Paradoxien unserer Zeit. Noch nie haben Menschen so viel über sich selbst nachgedacht. Über ihre Gefühle, ihre Identität, ihre Bedürfnisse, ihre Grenzen und ihre Entwicklung. Gleichzeitig wirken viele zunehmend erschöpft, einsam und orientierungslos. Denn Sinn entsteht nicht automatisch dadurch, dass man immer tiefer in sich selbst hineinschaut. Sinn entsteht oft dadurch, dass man sich einer Aufgabe widmet, Verantwortung übernimmt und Teil von etwas wird, das über die eigene Person hinausgeht.

Deshalb würde ich nicht sagen, dass Menschen aufhören sollten, sich wichtig zu nehmen. Sie sollten vielmehr aufhören, sich für den Mittelpunkt der Welt zu halten. Zwischen Selbstverachtung und Selbstbezogenheit gibt es einen gesunden Mittelweg. Dort erkennt man den eigenen Wert, ohne ständig um sich selbst zu kreisen. Man versteht, dass man Bedeutung hat, aber eben als Teil einer Familie, einer Gemeinschaft, einer Stadt, einer Gesellschaft oder einer Sache, die größer ist als das eigene Ego.

Vielleicht besteht die eigentliche Krise unserer Zeit nicht darin, dass die Menschen zu wenig Selbstbewusstsein haben. Vielleicht besteht sie darin, dass sie zu wenig Demut gegenüber der Realität und zu wenig Verantwortung gegenüber ihrem Umfeld entwickelt haben. Denn eine Gesellschaft wird nicht dadurch stark, dass jeder sich selbst verwirklicht. Sie wird stark, wenn genügend Menschen bereit sind, auch Pflichten zu übernehmen, die ihnen persönlich keinen unmittelbaren Vorteil bringen. Genau dort beginnt Bürgersein. Und Verantwortung.

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