14.Mai 2026
Die Replik von Strehlitz/Korbely ist interessant, weil sie Sandmann an einem entscheidenden Punkt tatsächlich trifft — und gleichzeitig an einem anderen Punkt genau seine Diagnose bestätigt.
Was Sandmann nicht sieht
Die Debatte um den Corona-Widerstand geht weiter. Unsere Autoren fragen nach Inszenierung und Unterwanderung und plädieren für die Arbeit vor Ort.
https://www.freie-medienakademie.de/medien-plus/was-sandmann-nicht-sieht
Sandmann analysiert primär die innere Struktur des Widerstands: Ästhetik, Milieu, Kapitalblindheit, Selbstinszenierung, Businessmodell, fehlende ideelle Grundlage.
Die Replik dagegen beschreibt die äußere Bearbeitung des Widerstands: Unterwanderung, Framing, Provokation, kontrollierte Opposition, psychologische Operationen, mediale Steuerung.
Das Problem ist: Beides widerspricht sich nicht. Im Gegenteil. Es ergänzt sich.
Denn eine Bewegung wird besonders leicht infiltrierbar, wenn sie innerlich ungeklärt ist.
Genau das scheint mir der entscheidende Punkt zu sein, den beide Seiten nur halb aussprechen.
Die Replik hat völlig recht damit, dass die Bewegung nicht nur aus Bühnenfiguren bestand. Das ist sogar ein zentraler blinder Fleck vieler späterer Analysen. Millionen Menschen waren nicht wegen Ganser, Ballweg oder Jebsen auf der Straße, sondern weil sie intuitiv spürten, dass hier etwas grundsätzlich entgleist. Viele Menschen gingen aus echter Sorge, echter Würde und echtem Freiheitsimpuls heraus auf die Straße. Das darf man nicht nachträglich zynisch wegtheoretisieren. Vor allem die lokalen Strukturen, die Spaziergänge, die gegenseitige Hilfe, die spontanen Vernetzungen und die Erfahrung, plötzlich nicht mehr allein zu sein — das war real. Und genau dort lag vermutlich auch die eigentliche Kraft der Bewegung.
Die Replik beschreibt zudem etwas, das viele Teilnehmer tatsächlich beobachtet haben:
das permanente Auftauchen seltsamer Figuren, überzeichneter Narrative und maximal medienwirksamer Grenzüberschreitungen genau im falschen Moment.
Reichsflaggen neben Fernsehkameras.
Agent-Provocateur-artige Eskalationen.
Inszenierte Bilder.
Verwirrende Parallelstrukturen.
Merkwürdige Zentralisierungstendenzen.
Figuren, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und gleichzeitig maximale Angriffsflächen liefern.
Ob dahinter immer bewusste Steuerung stand, lässt sich oft nicht sauber beweisen. Aber politisch ist etwas anderes wichtiger: Der Effekt war real. Die Bewegung wurde medial lesbar gemacht als irrational, gefährlich, rechtsoffen und potenziell gewaltbereit. Und genau das ermöglichte große Teile der gesellschaftlichen Isolierung.
Trotzdem bleibt Sandmanns Kernproblem bestehen.
Denn die Frage lautet ja nicht nur:
„Gab es Unterwanderung?“
Sondern:
„Warum war die Bewegung so anfällig dafür?“
Eine stabile, ideologisch klare, lokal verankerte und innerlich reflektierte Bewegung wäre schwerer zu kapern gewesen. Stattdessen existierte oft ein emotional aufgeladenes Sammelbecken unterschiedlichster Projektionen: Freiheitssehnsucht, Staatsmisstrauen, Unternehmerfrust, Esoterik, Systemkritik, Anti-Wokeness, diffuse Elitenkritik, alternative Medizin, spirituelle Sinnsuche, nationale Nostalgie, Technikangst und teilweise völlig widersprüchliche politische Vorstellungen.
Das erzeugt enorme Energie — aber auch enorme Manipulierbarkeit.
Genau deshalb konnten einzelne Bilder eine derartige Macht entfalten. Genau deshalb reichten wenige extreme Figuren, um das Gesamtbild umzuschreiben. Genau deshalb konnte der mediale Fokus permanent auf Randfiguren gelenkt werden. Und genau deshalb blieb die Bewegung psychologisch oft defensiv: Sie musste ständig erklären, was sie angeblich nicht ist.
Die Replik benennt außerdem einen wichtigen Punkt, den Sandmann fast unterschätzt:
Die Bedeutung dezentraler Strukturen.
Die Spaziergänge 2021/22 waren vermutlich tatsächlich wirksamer als viele große Bühnenveranstaltungen. Nicht wegen Pathos, sondern weil sie schwer kontrollierbar waren. Keine zentrale Führung. Keine eindeutigen Köpfe. Keine leicht zerstörbaren Hierarchien. Genau deshalb wirkte das auf den Staat zeitweise fast panisch. Die Macht moderner Systeme liegt stark in der Kontrollierbarkeit von Kommunikation und Organisation. Dezentrale soziale Prozesse sind schwieriger zu neutralisieren.
Und trotzdem bleibt auch hier eine offene Frage:
Warum entstand daraus langfristig keine stabile gesellschaftliche Gegenstruktur?
Denn viele lokale Netzwerke zerfielen später wieder, drifteten auseinander oder wurden thematisch beliebig. Das verweist erneut auf Sandmanns Punkt der fehlenden ideellen Grundlage. Gemeinsamer Protest ersetzt eben nicht automatisch eine gemeinsame Zukunftsvorstellung.
Interessant ist außerdem die DDR-Perspektive der Autoren. Menschen mit echter DDR-Erfahrung haben oft ein feines Sensorium für gesteuerte Narrative, kontrollierte Opposition, psychologische Einschüchterung und staatlich-mediale Synchronisierung. Das sollte man nicht arrogant abtun. Viele westdeutsche Milieus waren dafür deutlich naiver, weil sie autoritäre Steuerung primär aus Geschichtsbüchern kannten und nicht aus biografischer Erfahrung.
Gleichzeitig besteht genau dort aber auch eine Gefahr:
Wenn jede Fehlentwicklung nur noch als äußere Steuerung gelesen wird, verschwindet die Eigenverantwortung der Bewegung. Dann wird alles zur Psy-Op, alles zur Unterwanderung, alles zur Manipulation — und irgendwann bleibt kein Raum mehr für die schlichte Möglichkeit, dass Bewegungen auch aus ihren eigenen inneren Widersprüchen scheitern können.
Wahrscheinlich liegt die unangenehme Wahrheit genau zwischen beiden Texten:
Der Coronawiderstand war weder nur authentische Freiheitsbewegung noch nur kontrollierte Opposition. Er war ein reales gesellschaftliches Aufbegehren, das gleichzeitig massiv bearbeitet, kanalisiert, zersetzt, emotional aufgeladen und teilweise in ungefährliche oder diskreditierbare Bahnen gelenkt wurde.
Und das funktioniert besonders gut, wenn eine Bewegung:
- keine klare ideelle Grundlage hat,
- stark auf Emotionen basiert,
- schnell wächst,
- digitale Aufmerksamkeit braucht,
- keine stabile lokale Kultur entwickelt,
- und innere Kritik als Bedrohung empfindet.
Genau deshalb ist die wichtigste Frage rückblickend vielleicht gar nicht:
„Wer war echt und wer gesteuert?“
Sondern:
„Welche Strukturen wären überhaupt widerstandsfähig gegen Vereinnahmung, Eitelkeit, Unterwanderung und mediale Verzerrung gewesen?“
Denn dort beginnt die eigentliche Zukunftsfrage. Nicht bei den weißen Sneakers. Sondern bei der Fähigkeit einer Gesellschaft, wieder Räume zu schaffen, die weder vollständig zentral steuerbar noch vollständig marktförmig organisiert sind.
Und genau das scheint bis heute weitgehend ungelöst.



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