Text: Daniel Sandmann
Vorbemerkung: Dieser Text unternimmt keine historische Einordnung des Coronawiderstands. Für eine solche verweise ich auf den Beitrag Die Querfront als Falle von Ulrich Gausmann, der die Konsequenzen einer Ausblendung von Kapitalmacht unter anderem im Kontext des Nationalsozialismus diskutiert. Achtung: Die Lektüre seines Essays kann den Horizont erweitern. Erst recht, wenn man die gänzlich anders gearteten Zugänge zur Thematik verschränkt.
Urszene
Eine Szene im ‚Widerstand‘ (ab Minute 51). Es geht um Sneakers. Ich lese die Szene aus der Distanz – das Gespräch hat im April 2024 stattgefunden –, lese sie als Urszene des Widerstands. Dirk Pohlmann und Dirk C. Fleck. Fleck spricht von jenen, die sich engagieren, gemeint: die sich widerständig engagieren, sich da „reinschmeißen“. Das ist die Anerkennung. Sein Einwurf: Es gehe „nicht weiter“. Es sei höchstens „Eitelkeit“, was daraus gezogen werden könne. Fleck fängt diese Aussage mit einem Bild ein: Daniele Ganser in weißen Sneakers vor großem Publikum. Fleck sagt: „Jetzt auch er in den obligaten weißen Sneakers. Das hat mich entsetzt“. Meine Lektüre: Fleck eröffnet über das Bild der weißen Sneakers die Spur zum Kern. Es ist die Konformität. Die Übereinstimmung mit dem System. Die Bedeutung der Darstellung, des Medialen im Widerstand. Da lauert – noch verdeckt – das Reaktionäre.
Pohlmann, erkennbar anhand seiner Mimik, versteht den Vorgang nicht. Kam bislang im Widerstand nicht vor, dass jemand aus dem Widerstand den Widerstand und sein Auftreten kritisiert. Dass jemand ‚spaltet‘. Den Widerstand selbst erst noch. Spalten ist schlecht, die Impfung hat gespalten. So hat es der Widerstand erzählt. Pohlmann ist einer der Verständigen im Widerstand, kann gesagt sein. Und doch kann er nicht verstehen, was Fleck mit dem Bild der weißen Sneakers wirklich zeichnet.
Zwischenbemerkung: In Gaza fand ein Genozid statt, im Iran weitere Kriegsverbrechen, Hunderttausende weltweit leiden an Impfschäden, jetzt soll es um Sneakers gehen?
Was legt Fleck also frei? Die Formel: Sneakers fungieren als Bild für den Eingang des Widerstands ins System. Das ist die bitternötige Herausstellung in diesem Gespräch (und überhaupt). Aber nicht ad personam, nicht an Ganser gerichtet, sondern qua erkenntnistheoretische Herausstellung. Was Fleck freilegt, didaktisch, mit viel Lob für den Mann, der in weißen Sneakers erscheint, ist die Ästhetik, die gilt. Es ist die Ästhetik des Systems, also des Kapitals. Die Ästhetik ist wichtig. Ein jedes System, jeder Totalitarismus, auch Auschwitz: Es beginnt und endet mit Ästhetik. Dessen war sich Goethe schon bewusst und nicht erst Baudrillard.
Pohlmann, ich lese die ganze Szene stellvertretend und nicht persönlich, führt sodann den Abwehrreflex des Widerstands vor. Er verteidigt Ganser ad personam, einen Ganser, der von Fleck nicht angegriffen wurde. Mein Vorgriff an dieser Stelle: Ein im Kern reaktionärer, Natur und Kapital verwechselnder Widerstand kann nicht anders. Er muss das von Fleck freigelegte Sneakerbild als Angriff ad personam begreifen, denn er verteidigt in Wirklichkeit (sich dessen kaum bewusst) ein mediales Setting, ein erfolgreiches Businessmodell (also Kapital), das er als Widerstand – und dabei der Natur des Menschen zudienend – anschreibt. Die Verwechslung macht Widerstand als Businessmodell erst möglich. Und mit der Deklaration des ‚Sneakers-Einwurfs‘ als Angriff auf die Person kann die Kritik an der Fehlkonstruktion entschärft werden. Dem Businessmodell sind nicht die Sneakers selbst, aber die Ästhetik der Sneakers, genauer noch: die gesellschaftliche Konformität dieser Ästhetik wesentlich. Ganser trägt sie. Also gilt es im Verständnis des Widerstands, den Angriff (‚die Spaltung‘) auf Ganser hin abzuwehren, anstatt die Erkenntnis freizulegen, wie sehr das System im Widerstand aufleuchtet.
Was entsetzt Fleck, wenn ihn die weißen Sneakers entsetzen? Nicht die Sneakers an sich, nicht dass Ganser sie trägt. Es entsetzt ihn, das leuchtende Zeichen des Systems da anzutreffen, wo dieses kritisiert wird. Es entsetzt ihn das Auseinanderklaffen von Anspruch und Wirklichkeit. Und selbst wenn man den Sneakers diese Wertung nicht zugestehen wollte, wäre zu erkennen, was Flecks Vorhaben ist. Fleck spaltet nicht, er zeigt auf die Spaltung. Ein reaktionärer Widerstand, der auf eine heile Welt der bürgerlichen 1980er (oder gar des 19. Jahrhunderts) referiert, versteht diesen Verweis selbst als Spaltung. Er muss ihn so verstehen, sollen Natur und Kapital bzw. deren Verwechslung unbeleuchtet bleiben. Dirk C. Fleck aber ist ein generöser Herr mit Stil. Ein Poet. Ihm ist der zwanghafte Reflex seines Gegenübers zur Abwehr jedweden ‚Spaltungsgeschehens‘ nicht entgangen. Und so gestaltet er seine Kritik gar versöhnlich, baut Lob für den Sneakers-Träger ein, bleibt aber klar im Kern: Ja, die Sneakers sind ein lapidares Detail, geschenkt. Irgendwelche Schuhe muss er doch an den Füßen haben, der Ganser, nicht wahr. Doch sie fungieren im medialen Setting, in dem sie weiß aufleuchten, als Träger des Systems. Seiner Wertigkeit, seiner Ästhetik. Sie verkörpern in der gegebenen szenischen Augenblicklichkeit den Markt. Fleck holt diesen Aspekt sehr bewusst in den Diskurs, indem er explizit auf den Preis solcher Sneakers verweist…
weiter hier: https://www.freie-medienakademie.de/medi…weisse-sneakers
Der Text ist im Kern eine Abrechnung mit dem Corona-Widerstand als Milieu, nicht mit der Corona-Kritik selbst. Kleine Unterscheidung, große Sprengkraft, weshalb sie in solchen Szenen meistens sofort unter Teppiche gekehrt wird, wo dann schon der nächste Talkshow-Sessel wartet.
Essenz:
Der Autor sagt: Der Corona-Widerstand war notwendig, aber falsch konstruiert. Er habe reale Repression erkannt, aber keine tragfähige Systemkritik entwickelt. Stattdessen habe er oft nur zurückgewollt: zurück in die bürgerliche Normalität, zurück in die 80er, zurück zu Mittelstand, Besitz, Ordnung, Familie, Erfolg, Geschäft, Bühne. Also nicht raus aus dem System, sondern zurück in eine angenehmere Version desselben Systems.
Die weißen Sneakers sind dabei Symbol: Widerstand tritt auf wie Markt, Event, Marke, Businessmodell. Das System wird kritisiert, aber seine Ästhetik, seine Erfolgslogik, seine Bühnenform und seine Kapitalbindung werden übernommen. Genau das ist der Vorwurf.
Stark ist der Text dort, wo er die Verwechslung von Widerstand und Selbstvermarktung freilegt: Talkformate, Storytelling, Eitelkeit, moralische Immunisierung gegen Kritik, „Spaltung“-Vorwurf gegen jede innere Analyse. Das trifft. Schmerzhaft sogar.
Schwächer wird er dort, wo er fast alles auf Kapital zurückführt. Das ist analytisch ergiebig, aber auch gefährlich bequem: Wenn Kapital der Hauptschlüssel für alles ist, wird irgendwann jede Tür damit aufgeschlossen, auch wenn sie vielleicht gar kein Schloss mehr hat, sondern nur eine schlecht montierte Klinke. Menschen sind nicht nur Kapitalfunktionen. Sie sind auch feige, eitel, bindungsbedürftig, bequem, religiös, traumatisiert, narzisstisch, loyal, dumm, mutig und manchmal alles gleichzeitig. Leider, die Natur hat hier keinen sauberen Bauplan abgegeben.
Die beste Anschlussfrage:
War der Corona-Widerstand wirklich Widerstand gegen das System, oder nur der Versuch, eine verlorene Normalität zurückzuholen?
Und noch schärfer:
Wenn Widerstand dieselben Bühnen, dieselbe Eitelkeit, dieselbe Marktlogik und dieselben Abwehrreflexe übernimmt wie das System, gegen das er antritt: Was bleibt dann außer Szene, Marke und Selbstberuhigung?



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